Jahrgang 
1874
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deren Bewohner schwelgten in sinnenfreudigem Lebensgenuss. 146 Jahre v. Chr. von Mummias zerstört, hob es sich nach einiger Zeit wieder aus dem Schutt. Der Apostel Paulus wirkte hier, und vielleicht wird das Angedenken der Stadt durch diesen Mann und seine lebensvollen, warmen Briefe an die korinthische Christengemeinde noch am längsten wach erhalten werden.

Es ging den Isthmus hinan, der an seinem höchsten Punkt nur 240 über dem Meere liegt. Oede Haide, niedrige Kiefern und Sträucher, Hirten und Herden; 80 Soldaten sind hier stationirt wegen der Sicherheit der Reisenden, wir sehen sie unterwegs mehrfach neben der Strasse, in Gruppen ins Haidekraut gelagert, in der Nationaltracht, gestützt auf die lange Flinte, der eine bläst Flöte, andere liegen und schauen behaglich über Land und Meer. Halbwegs ein Wirthshaus, wo wir anhalten und aussteigen, da blicken wir über zwei Meere zu gleicher LZeit, und grüssend schicken uns beide Meere ihren morgenfrischen Hauch herauf. Es geht abwärts, entlang den Trümmern der Isthmus- mauer, einst in den Perserkriegen gezogen zur Absperrung des Peloponnes und im Mittelalter erneuert, vorüber an den Resten der alten Schleifbahn(dνανοε), auf der einst die Schiffe von Meer zu Meer gezogen wurden; nun geht es mächtig abwärts, im Bogen um die nördliche Bucht, auf Kalamaki zu, den alten Hafenort Schoenos, vorbei an den Ruinen des Poseidontempels, bei dem die isthmischen Spiele stattfanden; die Kiefern aber, die nun dichter werden, begrüssen wir als die Reste von»Poseidons Fichtenhain«; denn wem möchte nicht Ibykus, der Götterfreund, hier in den Sinn kommen, wo er seinen Tod fand? In Kalamaki gibt es am Strand ein grosses Wirthshaus, in welchem wir auf das Schiff warteten, das uns nach Athen bringen sollte. Das Haus, ein einziger, grosser raucherfüllter Raum, Schlafzimmer und Wohnzimmer, Küche, Speisesaal und Hühnerstall zugleich, der Fussboden gestampfter Lehm; Fische und Brod, Käse, Zwiebeln und Wein, das sind die Gerichte, die es gibt. Ein Leiterwagen rasselte herbei, darauf einige Soldaten und drei mit Stricken gefesselte Räuber, die sie soeben unterwegs gefangen hatten. Also im Ernst so unsicher! Der Dampfer kam stolz heran und nachdem ausgestiegen und eingestiegen war, fuhr er ohne Auf- enthalt wieder ab. Das gab nun eine Lustfahrt! Nach Athen! Sonntags- und Frühlingsmorgen, ein so blauer lachender Himmel über uns und ein so blaues Meer unter uns und eine Aussicht ohne Gleichen, keine Welle regte sich: Delphine umschwammen das Schiff, eine Musikbande spielte lustige Weisen, dass noch viel festlicher und fröhlicher unser Herz sprang! Als so die Felseninseln des saronischen Meerbusens auftauchten, vor uns Salamis, rechts Aegina und die Küste des Pelo- ponnes, links Megara, während Athen selbst immer noch von Salamis verdeckt wurde, da stieg unsere Erwartung höher und höher! Immer näher rückte Salamis, jetzt fuhren wir an ihm entlang, jetzt bogen wir um die letzte Ecke, die uns Athen noch verbarg, da lag es vor uns! Kann man solehe Augenblicke je vergessen? Sie bleiben für alle Folgezeit helle Glanzpunkte im Leben: unten am Meer die Hafenstadt Piräévs, wie die Griechen aussprechen ganz dicht dahinter Athen, überragt von dem spitzen Lykabettos, den wir eine Zeit lang für die Akropolis hielten, bis wir nach und nach etwas rechts davon den von hier aus gesehen ganz niedrigen Hügel der Akropolis entdeckten und nun ganz deutlich die glänzenden Marmorsäulen erkannten. Bald fuhren wir ein in den prächtigen, wohlgeschützten, schiffreichen Hafen. Am Ufer hatten wir rasch den Bahnhof

der einzigen Eisenbahn Griechenlands aufgefunden; da balgte und stiess sich eine lärmende Men- 2