Jahrgang 
1874
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dem Wolkenhaupt, wir mussten hinübersehen, wie die düsteren Massen mit schweigendem Ernst noch durch die Schatten der Nacht uns winkten. Fürwahr, diese Landschaft ist von überwältigender Grossartigkeit, sie wäre es, auch wenn die historischen Erinnerungen nicht an ihr hafteten. In grauer Vorzeit, das wird uns hier klar, müssen hier besonders stark die Schauer einer düsteren Natur auf den Menschen gewirkt haben, so dass er der Gottheit Stimme hier mehr als anderswo zu vernehmen glaubte, hier, wo die Natur unbewusst uns heiliges Grauen in die Seele senkt. Ist auch in der alten Literatur nicht soviel von Naturschönheiten die Rede, wie in der modernen, so müssen wir doch sagen: ein Volk, dessen Entwickelungsgang so eng an die Natur seines Landes geknüpft war, eines Landes, das wie kaum ein anderes auf kleinstem Raum alle Arten der Landschaft in sich vereinigt, ein Volk, dem die ganze Natur beseelt war, dessen Götter die Naturmächte waren, das die Naturerscheinungen wunderbar bewusst und genau beobachtete und künstlerisch wiedergab, ein solches Volk hatte auch ein starkes Naturgefühl. Dasselbe war freilich zu sehr mit dem Denken des Volkes unmittelbar eins, als dass es sich so allgemein auf die Stufe der bewussten Reflexion erhoben hätte, wie bei uns. Wie der Reiz des Hirtenlebens zuerst von Städtern gepriesen wurde, so wird ja auch in unserer Zeit die Schönheit besonders der Meer- und Bergnatur zumeist bewundert von den Bewohnern binnenländischer Ebenen. Wer aber dort heimisch ist, der fühlt diesen Zauber erst in der Fremde, wenn ihn mit wilder Gewalt das Heimweh packt.

Als wir Sonntags früh uns an Deck begaben, siehe da waren wir im Schlaf weitergetragen worden, vor uns hatte das Meer ein Ende, in weitem Bogen kehrte die prächtige plaue Fluth in sich selbst zurück, uns zur Linken bespülten die Wellen die 4500 Fuss hohe Gerania von Megara, um deren Westspitze herum sie sich noch weiter nordwärts wanden, um daselbst, unserem Blick jetzt verdeckt, einen noch etwas grössern zweiten, aber ebenfalls vergeblichen Anlauf zu nehmen, bis zum saronischen Meerbusen durchzubrechen. Aber vor uns, von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne goldig und frisch beleuchtet, lag Akrokorinth, der gewaltige Bergkegel, über 2000 hoch aus dem Meere sich erhebend, einen ziemlich bedeutenden Raum lassend zwischen sich und der Küste, da vom Meer aus anfangs die Abhänge sanft ansteigen; hier lag denn, auf dieser geneigten Fläche, das alte Korinth: ou xαντ dν⁰οος ες KOαυννονο εσινο νQοες sagte das alte Sprüchwort= nicht Jedem glückt es, nach Korinth zu kommen. Uns war es geglückt. Wir verliessen den Byzantios, der sein Reiseziel erreicht hatte, aber leider blieb uns nicht die Zeit, Akrokorinth zu besteigen; schon harrte der Omnibus, der uns über die Landenge bringen sollte. Die Ruinen von Altkorinth sind verschwunden und das aufblühende Neukorinth ist 1858 ganz von einem Erdbeben in Trümmer gelegt worden, nur wenige Häuser sind seitdem hier wieder entstanden. Wie wunderseltsam und in unserem Erdtheil ganz einzig, über einen Boden zu wandeln, der vor so kurzer Zeit denn was sind 2000 Jahre für die Weltgeschichte! eine gewaltige Stadt getragen hat, wo nacheinander Millionen von Menschen gelebt, geliebt und gelitten haben; die Weissagungen der alttestamentlichen Propheten über Babels Zerstörung werden uns hier lebendig, wo jetzt der Hirte seine Herde weidet, wo das Haidekraut wächst zwischen sieben dorischen Säulen, dem einzigen Rest, der von Korinth geblieben ist, der Herrscherin über zwei Meere, deren Reichthum unermesslich, deren Schiffe zahllos, deren Paläste und Tempel in Marmor und Gold schimmerten,