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ster, unzählige Buden wie auf einem Jahrmarkt, hunderte von Handwerkern und Krämern darin sitzend mit untergeschlagenen Beinen; unten am Hafen sind stattliche Häuser, hier wohnen Kauf- leute und Consuln fremder Nationen. Die breiten Strassen laufen, einander parallel, vom Hafen aus bergan bis zur Festung. Auf der Höhe steht auch eine prächtige, kaum vollendete Kathedrale mit Kuppel und Thürmen, in einem halb romanischen halb byzantinischen Styl. Ueberhaupt zeugt hier manches von Sinn für Cultur und geistige Genüsse. Auf einem öden Platz stand eine grosse Zahl echt europäischer Droschken, in einem Buchladen kauften wir eine neugriechische Uebersetzung von Schillers Kabale und Liebe, unter den Personen des Stückes figurirten denn u. a. 6 ονριοσ Boëααο und d αρ Karunos! Quer über die Strassen hing hier und da ein Strick, in der Mitte ein bekränztes rundes Papierschild, auf dem stand, dass die Gymnasiasten heute Freitag Abend eine Tragödie: Aristomenes, aufführen würden; leider mussten wir selben Abends wieder an Bord sein, da wir bei Tagesanbruch abdampfen sollten. In der That gings Samstags in aller Frühe pünktlich weiter: wir passirten die engste Stelle des Golfs, die nur eine halbe Stunde breit ist; zwei flache Landspitzen, Rhion und Antirrhion genannt, liegen sich hier gegenüber; sofort zeigt sich darauf links Ppaktos(Naupaktos), sonst von den Italienern Lepanto genannt. Hier sollen zur Zeit der dorischen Wanderung die Dorier in den Peloponnes übergesetzt sein, hier wurden 1571 die Türken von Juan d'Austria besiegt in der berühmten Seeschlacht von Lepanto, noch steht die alte venezia- nische Festung. Uns zur Rechten liegt Achaja und die arkadischen Gebirge, vom Erymanthos an bis zur hohen Kyllene, links das Land der Lokrer und die Berge von Doris; die Ufer sind baumlos und öde, starrende Felsen überall, selten und ärmlich die Ortschaften, selten begegnen uns Barken; Korinthentrauben bilden hier den Hauptgegenstand des Anbaus und wir wissen vom Rhein her, wie wenig Weinberge den landschaftlichen Reiz heben. Gegen Abend kamen wir in die Bucht von Delphi, in ihr liegt links der Ort Galaxidi; wir fuhren bis in den tiefsten Winkel der Bucht, wo wenige Häuser den Hafenort(italien. Scala di Salona) der Stadt Salona bilden, die an der Stelle des alten Amphissa erbaut ist; Oelbäume und bebaute Felder bedecken die kleine freundliche Ebene, die einst gegen den Willen der Amphiktyonen die Phocier sich aneigneten, die erste Veranlassung zu dem entsetzlichen sogenannten heiligen Kriege und der erste Ring in Griechenlands Sclavenkette. Wenige Schiffe liegen jetzt hier vor Anker, einst war es lebhafter, doch das ist lange her. Damals landeten hier die Schiffe mit Weihgeschenken für den delphischen Gott, mit Gesandten, die da Rath holen sollten beim Orakel. Ja damals! heute ging nur ein magerer Briefbeutel ans Land, einige Bauern und Händler, ein würdiger Pope mit prächtigem Vollbart. Gern wären wir mit in den Kahn gestiegen, in 1— 2 Stunden hätten wir dann an der Stelle sein können, wo einst Delphi lag. Doch die Dunkelheit zog schon herauf, es ging nicht an! Da lag er uns gegenüber, der alte berühmte Parnassos, dey stolzeste der Berge, die wir bis jetzt in Griechenland gesehen, in mächtigem Bogen wölbte sich sein Rücken, über 8000 Fuss über dem Meer, schwarz und düster die Abhänge, weiss der Gipfel, wenn er zuweilen durch die Wolken schimmerte, die ihn die meiste Zeit verschleierten. Deutlich konnten wir die Schlucht von Delphi sich hinaufwinden sehen, eine wilde, unheimliche Schlucht. Die Luft war so frühlingsmild, dass wir die ganze Nacht hätten mögen an Deck bleiben, denn immer und immer wieder zog uns der mächtige finstere Berg an mit


