Jahrgang 
1874
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den korinthischen Meerbusen hinein., In diesen Meeren ist es so urbehaglich und traulich, man versteht mit einem Schlag so vieles aus der altgriechischen Welt, was man früher nie so recht lebendig erfassen konnte: alles ist so nah und sichtbar, und doch nicht allzunah, die Inseln alle bilden ungeheure Felsmassen, sie sind eigentlich nur die höchsten Gipfel von Gebirgen, deren untere Theile und zwischenliegende Thäler durch irgend ein Naturereigniss der Vor- welt ins Meer versenkt wurden; nun ragen sie wie die Riesen einsam aus den Wassern heraus, in prächtig geschwungenen Umrissen gegen den Horizont sich abhebend, deutlich und scharf. So liegen sie in der wunderbar tief dunkelblauen Fluth, die Gipfel mit Schnee bedeckt, an den Abhängen leuchten grüne Matten, schimmernde Oelbäume und weisse Dörfer, darüber spannt sich der tiefe, tiefe Himmel. Hinter uns lag Zante viele Stunden lang und wollte gar nicht in die Ferne rücken; links lag ebenso nahe Kephallenia, in Gestalt eines einzigen ganz riesenhaften, über 5000% hoch aus dem Meere aufsteigenden Bergrückens; um das Imponirende solcher Höhenverhältnisse zu würdigen, mag man sich erinnern, dass der Rigi 4250 über den Spiegel des Vierwaldstädter Sees sich erhebt. Ithaka sahen wir, von seiner Südseite, in blauender Ferne sich niedriger rechts an Kephallenia schmiegend, wir sahen die Niederung des Acheloos und die Lagunen der ätolischen Küste, es schäumten die weissen Wogen gegen den Klippenkranz, der diese Lagunen vom Meere trennt. Dahinter musste Missolongi liegen, der Schauplatz der Heldenthaten des modernen Hellas, der Ort, wo der Dichter starb, der von allen Neueren am herrlichsten von Griechenland gesungen hat, Lord Byron. Vor uns lag der flache Strand von Elis, das alte venezianische Fort Clarentza schaute stolz von einem niedrigen Hügel. Endlich ging es um das Vorgebirge Araxos und nun erst verschwand Zäkynthos; wir schienen nun in einem Landsee zu sein, Berge ringsum, anscheinend nirgends ein Ausweg. An der peloponnesischen Seite steigen die Berge mächtig in die Höhe, über alle blickt herüber der Erymanthos, glänzend im Schneegewand, seine Höhe ist über 7000%, er liegt so vor uns, als ob wir nur so hinüberspringen könnten, ähnlich wie ja auch die Jungfrau in der Schweiz von Interlaken aus so täuschend nahe erscheint. Wie anders siehst du doch aus, Arkadien, du wilde schauerliche Winter- und Alpenlandschaft, als die Träumereien der Rococozeit über dich, wie sie selbst in den Schillerschen Worten sich noch spiegeln: auch ich bin in Arkadien geboren! Am Abend waren wir in Paträs, dem alten Patrae der Landschaft Achaja. Es hiess, wir blieben hier bis übermorgen früh. So gingen wir denn für einen Tag an Land. Die Stadt liegt, wie alles hier, herrlich, an der seeartigen Bucht hingelagert, gegenüber Aetolien. Eine Ebene ist Achaja durchaus nicht, kaum ein Küstensaum, denn unmittelbar aus dem Meere steigen die Berge hinan, anfangs freilich sanft und also Raum gebend zu Ortschaften und Anbau. In Terrassen geht es höher und höher hinauf, hier in Paträs wird die erste Terrasse gekrönt von Mauern und stattlichen Thürmen der alten venezianischen Festung, dahinter aber geht es sofort in luftige, schneeige Höhen, bis 6300 über den Meeresspiegel, dass selbst das Auge nur mühsam hinanklimmt. Unten aber frisches Grün und vor allem das blaue Meer, das in vielen Buchten, wo nur immer es geht, sich tief in das Land hineindrängt. Paträs ist die bedeutendste Handelsstadt des Peloponnes mit 25,000 Ein- wohnern, Hauptausfuhrplatz der Korinthen, die man denn auch bei jeder Mahlzeit vorgesetzt bekommt und löffelweise isst; doch sieht die Stadt ziemlich urwüchsig und orientalisch aus, nirgends ist Pfla-