Jahrgang 
1874
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blieben glücklicherweise von der Seekrankheit verschont, der die Mehrzahl der Mitreisenden unter- lagen. So ging's weiter und weiter, wir sahen wo der Acheron mündet, sahen wo die Residenz des heldenmüthigen Abenteurers lag, des Königs Pyrrhus von Epirus, sahen das Vorgebirge Actium, wo Octavianus Augustus den genialen leichtsinnigen Antonius besiegte, und nun fuhren wir an Levkäs entlang, dem weissen Eiland: die weisse Brandung donnerte gegen die röthlichweissen senk- recht starrenden Kreidefelsen, wir kamen an dem Vorgebirg vorüber, von dem die Dichterin Sappho sich ins Meer herabgestürzt haben soll. Kephallenia war inzwischen aufgetaucht, eine kurze Zeit erschien auch Ithaka, bald wieder verdeckt von der mächtigen Felseninsel Kephallenia. Weithin leuchteten deren weisse Klippen, viele Stunden ging es nun an der Insel entlang, endlich, endlich erschien die letzte Spitze, wir mussten um dieselbe herum, nordwärts in die weite Bucht hinein, an welcher der Hafen Argostoli liegt. Mit einem Schlage hörte das entsetzliche Schaukeln auf, es war spät Abends und alles freute sich. In der Ferne hörten wir das Meer tosen, aber dicht vor uns flimmerten die Lichter der Stadt, und das Wasser in der Bucht regte sich kaum. Jetzt war es denn auch endlich möglich, Essen aufzutragen; wie behaglich sass es sich in der eleganten Kajüte, bei der trefflichen Mahlzeit und dem feurigen griechischen Wein. Wir hatien äusserst angenehme Reisegefährten; da war der Vicepräsident des rumänischen Senats, Graf Rossetti, der sich gleich gewandt mit uns auf italienisch, deutsch, französisch unterhielt, da war ein Mitglied der englischen Gesandtschaft in Athen, ein griechischer Kaufmann aus Zante, ein anderer aus Patras, der eben seine Töchter in eine schottische Erziehungsanstalt gebracht hatte und überhaupt für England schwärmte, der besonders gern Milton und Shakespeare citirte, aber nach Belieben englisch, französisch, italienisch, deutsch redete, ein athenischer Rentier oder Privatgelehrter, der gern auf die Probleme der altgriechischen Philosophie die Rede lenkte, ein Studiosus juris von einer der ionischen Inseln, der zur Universität nach Athen ging und mit unserer Hülfe seine ersten Studien im Deutschen machte. Das hört sich seltsam an, ein solches Tischgespräch, in dem ein halbes Dutzend Sprachen durcheinanderschwirrten, wo ein englisches Wort den Anstoss gibt, für eine Viertel- stunde englisch zu sprechen, bis eine dazwischen fahrende französische Phrase uns alle in dies Idiom hinüberlenkt, wieder für eine Viertelstunde, u. s. w. Besonders der Graf und der Kaufmann aus Patras wetteiferten, uns aufzuklären über die politischen und religiösen Zustände Griechenlands, über seine Handelsverhältnisse und seine Industrie, über Sprache und Sitte der Bewohner.

Als wir am andern Morgen erwachten, war das Wetter herrlich geworden, wir schwammen gerade auf Zante zu, um 8 Uhr waren wir da. Wir hatten Zeit an Land zu gehen und die Stadt zu besuchen, die im Halbkreis um die reizende, prächtige Bucht gelagert ist und den Berg hinan, Kapellen schauen droben von waldigen Höhen ins Meer hinab. In der Stadt fanden wir viele Cafehäuser, aber noch mehr Weinhäuser, nach der Strasse ganz offen, wie in Italien, ein rothes Fähn- chen davor, auf dem der Preis des Weines stand, der theuerste, der aber auch vorzüglich war, kostete 40 Leptä= 40 Pfennige, das Glas. Die Insel verdient noch heute den homerischen Beina- men: ³‿ναα Zdausos, das waldige Z., denn ebenso wie Corfu ist sie mit Oelwald bedeckt, auch ausgezeichneter Wein wächst hier und die kleinen, süssen Korinthentrauben: Zante, fior di Levante (Blume des Ostens), sagten die Venezianer. Das schönste von allem war die Fahrt von Zante in