Jahrgang 
1874
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wahrlich ein prächtiger Sommeraufenthalt, obwohl die Sommerhitze dem Pflanzenwuchs hier gewaltig zusetzt. An eine andere Stelle, Cardacchio genannt, kamen wir, wo es zwischen den Oelbäumen lichter und lichter wurde, da hörte der Wald auf und wir standen auf einem weit ins Meer vor- springenden Felsen, ihn krönten die Trümmer eines kleinen ionischen Tempelchens, zerfallene Mauern und eine einzige Säule. Epheu umkleidete die Mauern, Brombeerranken wucherten üppig, wilder Goldlack und Veilchen dufteten, ein Quell rauschte die Schlucht hinab, Hirtenknaben lagerten da, zwischen dem Geröll und den Felsen kletterten ihre Ziegen. Zu unsern Füssen aber tief unten rauschte leise, leise das Meer, der feuchte, erfrischende Seewind wehte zu uns herauf. Der etwa 4 Stunden breite Canal zwischen der Insel und dem Festland, auf den wir hinabsehen, scheint nur ein Landsee zu sein, da drüben liegen so herrlich die Berge von Epirus, eine Kette thürmt sich gewaltig hinter der andern empor, in weisses Schneekleid gehüllt, nur die Küstenberge sind schnee- frei und an ihren Abhängen glänzen die weissen türkischen Dörfchen herüber. Viele Segel schwimmen auf dem dunkelblauen Spiegel. Ueber den Wassern aber liegt der heiterste glänzendste Frühlings- sonnenschein, über den Wassern, die bald dunkelblau, bald dunkelgrün erscheinen, ähnlich wie die tiefen schweizerischen Bergseen.

Die Farbe des Mittelmeeres, wenn ein solcher Himmel über ihm lacht, wie heute, ist ganz unvergleichlich schön, ganz anders als die unserer deutschen Meere; ist ja doch die Farbe der See wesentlich bedingt durch die Farbe des Himmels darüber, und wo hätten wir einen solchen Himmel? Nur Claude Lorrains Pinsel möchte ich es zutrauen, diesen Glanz, diese Helle, diesen Blick in die sich verlierende Wellenferne wiedergeben zu können, wie vermöchten es Worte? wie schwer wurde uns hier Trennung! Seltsam! schon am folgenden Tage war die schöne blaue Farbe einem trüben Graugrün gewichen, Regen und Gewitter hatten das bewirkt. Wir beschlossen mit dem griechischen Localdampfer nach Athen zu fahren, der unterwegs mehrmals anläuft, und dessen Curs, was uns die Hauptsache war, durch den korinthischen Golf geht, während der östreichische Lloyddampfer im Bogen um den Peloponnes herumfährt. Wir sollten überdies schon nach zwei Tagen in Athen sein. Doch es kam anders. Das Gewitter hatte die Luft abgekühlt und der Wind schlug um. Abends ging es an Bord, während der Regen in Strömen goss und der Sturm heulte, aber wir schaukelten die ganze Nacht im Hafen auf und ab, erst andern Morgens wagte der Capitän, die Anker seines »Byzantios«, der nicht grösser als ein Rheindampfer war, zu lichten. Anfangs waren wir noch geschützt, aber»balleremo!«(wir werden tanzen!) sagte lakonisch der Capitän und deutete auf die Südspitze der Insel. So war es. Sowie wir ins offene Meer kamen, brauste und schwoll das Meer rings um uns und unter uns, wie durchwühlt von unterirdischen, grollenden Gewalten, das Schiff stöhnte, tauchte auf und nieder, legte sich jetzt auf die eine Seite, dann auf die andere, mühsam hielt man sich fest, um nicht in die Wellen geschleudert zu werden; waren wir im Wellenthal, so wusch das Wasser über Deck und spritzte zischend in den Schlot hinein, hob uns aber die Welle wieder, so sahen wir schwindelnd weithin übers Meer, über alle Wellenberge und Wellenthäler, links in die beschneiten Gebirge von Epirus hinein, die stolz der Pindus überragte, hinter uns Corfu, vor uns Paxoi und Santa Maura oder Levkäs. Ein Moment, dann ging es wieder in die unheimliche Tiefe; wie doppelt schön waren dann diese im Flug erhaschten Ausblicke! Mein Begleiter und ich