Jahrgang 
1873
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Basilika angebracht, übt dann einen hôchst eigenthümlichen Zauber aus. Zusammengefügt aus bunten Stein- und Glasflussstiften, während der verbindende Goldgrund aus dünnen Goldplatten besteht, ist es nur durch Anwendung von Gewalt zerstörbar, blasst nicht, leidet nur unmerklich durch Zeit, Feuch- tigkeit, Kerzen- und Weihrauchdunst, scheint also für die Ewigkeit gemacht. Bei allem Greisenhaften, Starren, Leblosen in den Figuren erscheinen diese doch im höchsten Grade feierlich, imponirend, maje- stätisch. Diese oft vierzehn, fünfzehn Fuss hohen Menschengestalten schweben im dunkelblauen oder goldenen Raume, irdischer Leiblichkeit entrückt, wie herüberragend aus anderen Welten. Das Gold bewirkt, dass sie deutlich genug sich abheben trotz des trüben, nur matterhellten Raumes ringsumher. So scheinen sie durch die Jahrhunderte hindurch herunter von ihrem erhabenen Standort, scheinen auf der Menschen wechselnde Geschlechter, dieselbe Stimmung, dasselbe Gefühl der Andacht, der Ehrfurcht, der Beugung vor höheren Mächten erregend, eine stumme ewige Predigt, nachhaltiger jedenfalls, als viel von der Kanzel, denn die beabsichtigte Stimmung vermögen sie mit viel grösserer Sicherheit hervorzurufen, nicht bloss im ästhetisch gebildeten kritischen Beschauer, sondern noch viel mehr, ihm selber unbewusst, in dem sinnlich Dahinlebenden, Ungebildeten, in dem Naturmenschen.

Es ist nicht der geringste künstleriche Ruhm des altchristlichen Gotteshauses, dass Alles darauf berechnet ist, Blicke und Gedanken sofort auf das eigentliche Heiligthum, das Sanctuarium, zu leiten; dass diese Idee vielmehr so vortrefflich zum Ausdruck gekommen ist, ist das eigentlich Lebensvolle an dieser Architektur, dasjenige, was eben zu weiteren Entwickelungen getrieben hat. Es ist das auch nicht abgelernt weder dem heidnischen Tempel, noch der heidnischen Gerichts- und Handelsbasilika, es ist eben specifisch christlich, herausgewachsen aus dem christlichen Cultus- bedürfniss. Diese ästhetische Wirkung hervorzubringen, dazu hilft alles mit; die Säulenreihen unter der hohen Mauer, die von Säule zu Säule sich spannenden Bogen, sie tragen das Auge widerstands- los weiter und weiter, der Triumphbogen ist die Vorbereitung, der emporgezogene Vorhang, der das Heiligste nicht verhüllt, sondern umrahmt, und nun muss der Blick ja ausruhen auf der gold- glänzenden, festlich geschmückten, aber nicht heiter, sondern ernst wirkenden Wölbung, welche den Abschluss bildet, aber so, dass von ihr wiederum der freistehende, säulengeschmückte Altar sich abhebt und deutlich Jedem als der Mittelpunkt des ganzen Gebäudes sich kund gibt. So steht sie vor uns, die altchristliche Basilika, und so ist sie in Rom das ganze Mittelalter hindurch mecha- nisch wiederholt worden. Denn die älteren Basilikenbauten und die immer noch vorhandene Mög- lichkeit, mit antiken Säulen zu bauen, lähmten den Schaffenstrieb; erst dem nordischen Ausland blieb es vorbehalten, den Grundgedanken eines perspectivisch wirkenden Langhauses fortzubilden. Was wir romanischen und gothischen Baustyl nennen, ist ja eben wesentlich Basilikenbau, mit Heran- ziehung gewisser technischer Probleme, besonders des Problems der Ueberwölbung. Von Gebàâuden wie etwa der kölner Dom rückwaärts schauend über die Jahrhunderte bis auf die alten Basiliken, erscheinen uns diese wie ehrwürdige Ahnen eines berühmten Geschlechtes, Schöpfer und Grund- leger künftiger Stammestugenden, aber sie selbst noch einfacher und anspruchsloser. Diese Pietät ist es denn auch, welche uns hinwegsehen lässt über das viele unkünstlerische, unschöne, unselbstandige, flüchtige, ärmliche, unorganische, was die Wirkung des alten Basilikenstyls so sehr beeinträchligt. Diese Mängel sind nur allzuerklärlich aus der sinkenden Gesammtcultur, sie weisen bereits drohend auf eine leider wieder anhebende Zeit der Barbarei. Die oft lieder- liche Sorglosigkeit des Mauerwerks, durch welche gleichzeitig doch die gewiegte Vertrautheit

mit den schwierigsten Bauconstructionen durchschimmert, verstimmt oft recht hässlich den kri- 2*