Jahrgang 
1873
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schauen auf Jesu concretes Bild in den Evangelien, eine so zu Werke gehende Kunst musste es verlernen, Fleisch und Blut darzustellen, musste ins Schemenhafte, Erstarrte verfallen. So geschab es. Die mühsame Technik der Mosaikarbeit unterstützte diese Richtung, denn da konnte nicht die Hand rasch die vor der Seele auflauchenden Gestalten festhalten, sondern alles war langwierige, verstandesmässige Berechnung. Die byzantinische Mosaikarbeit nun breitete sich allgemach auch über ltalien aus, und während im Orient heutzutage ihre Erzeugnisse meist zerstört oder übertüncht sind, sind wir für ihre Kenntniss hauptsächlich auf Italien angewiesen. Ich verzichte darauf, andere Beispiele der altchristlichen Mosaikmalerei heranzuziehen, und beschränke mich auf die Beschreibung des Tribunenmosaiks von San Clemente, obwohl dieses, wie wir unten sehen werden, bereits aus unserm Jahrtausend stammt, aus dem Jahre 1112. Allein der Bilderkreis war eben so feststehend, dass wir auch daraus eine Anschauung jener eigenthümlichen Kunstgattung gewinnen können. Es ziehl sich zunächst unten ein breiter Goldstreifen hin, in dessen Mitte Christus als Lamm thront, von einem Nimbus umstrahlt. Von beiden Seiten her schreiten, eins hinter dem andern, je sechs Lämmer auf ihn zu, die zwölf Apostel bedeutend. Darüber ist ein Inschriftstreifen. In der Wölbung der Apsis befindet sich inmitten ein grosses Crucifix, fünf weisse Tauben sitzen, uber einander ge- ordnet, unten auf dem Kreuzesstamm, drei oben, je zwei auf den Kreuzesarmen, Maria rechfs, Jo- hannes links neben dem Kreuz, darüber eine Glorie, aus der sich segnend eine Hand streckt, als Andeutung Gottes, des Vaters. Das grosse Kreuz wächst empor aus einem Weinstock, dessen mäch- tiges, stylisirtes, symmetrisch geordnetes Rankenwerk sich über die ganze Wölkung spannt, in den Ranken bewegen sich Hirsche, Pfauen und Vögel, auch kleine menschliche Figuren. Der Hirsch ist eine Andeutung der Gläubigen, nach Psalm 42(wie der Hirsch schreiet nach lebendigem Wasser), der Pfau ein Symbol der Unsterblichkeit. Unter dem Weinstock fliessen die vier Ströme des Para- dieses. In den Zwickeln, welche der Apsisbogen von der Hinterwand des Hauptschiffes übrig lässt, befinden sich folgende Darstellungen: Als Schlussstein gleichsam des Bogens ein Christuskopf in Medaillonform, überlebensgross, rechts und links Lôwe, Adler, Ochs und Engel als Symbol der vier Evangelisten(Offenb. Joh. 4, 7). Darunter rechts Petrus mit Clemens, links Paulus mit Laurentius, darunter rechts Jesaias, links Jeremias, noch tiefer rechts Jerusalem, links Bethlehem. Diese Gegen- überstellung hat in dem alten Gegensatz der Judenchristen und Heidenchristen ihren Grund, Petrus der Judenapostel, Jerusalem die jüdische Gesetzes- und Tempelstadt, nicht das neue himmlische Je- rusalem der auf die Offenbarung Johannis sich stützenden spätern Auffassung, Bethlehem dagegen der Ort, dessen Heiligkeit lediglich, in seiner Eigenschaft als Jesu Geburtsort begründet ist. Alle Figuren sind mit erklärenden Inschriften versehen. So lautet z. B. der erwähnte Streif zwischen Wölbung und Läâmmern:

Ecclesiam Christi viti similabimus isti, quam lex arentem, sed crux facit esse virentem. Zwei leoninische Verse, die mit Berücksichtigung des Reims etwa wiederzugeben wären: Dieses Weinstocks Zweigen wir Christi Kirche vergleichen, dorrte sie an dem Gesetz, so grünet am Kreuze sie jetzo.

Im untern Theil des Halbrunds stehen die zwölf Apostel, in einer spätmittelalterlichen Malerei.

Das Crucifix des Mosaiks deutet freilich auf eine recht späte Zeit, denn im eigentlichen Blüthe- zeitaller des christlichen Mosaik bildete man weder den leidenden Christus, noch sonstwie die ecclesia militans, überhaupt weder irgend ein Leiden, noch irgend ein Thun, sondern nur die ewige erhabene Ruhe der Verklärten, die ecclesia triumphans, dargestellt an durchaus conventionell und andeutungs- weise gezeichneten grossen Einzelfiguren. Ein solches Mosaik, an dieser Stelle einer altchristlichen