Jahrgang 
1873
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Ostia, wo nach der Tradition die Todesstätte des Apostels war, steht die Basiliha des h. Paulus (San Paolo fuori le mura). Auch diese fünfschiffige Prachtbasilika ist nicht mehr in ihrer ursprüng- lichen Form vorhanden, sondern nachdem sie 1823 durch Feuersbrunst zu Grunde gegangen, seit- dem erneuert, zwar mit ungewöhnlicher Pracht, aber auch mit vielfachen Abweichungen von dem alten Plan. Noch innerhalb der Mauer, aber dicht an der alten porta asinaria, erhebt sich die von Constantin erbaute ebenfalls fünfschiffige Basiliha des h. Johannes(San Giovanni in Laterano), die hochberühmte bischöfliche Kirche Roms,omnium Urbis et Orbis Ecclesiarum mater et caput. End- lich die Basilika des h. Laurentius(San Lorenzo fuori le mura), vor der alten porta tiburtina über dem Grab des h. Laurentius von Constantin erbaut.

Man würde nun aber sehr irren, wollte man die gegenwärtige Gestalt sämmtlicher alten Ba- siliken irgendwie identificiren mit der ältesten Gründung der betreffenden Kirche. So wohlerhalten verhältnissmässig eine grosse Anzahl von Bauwerken aus der Kaiserzeit geblieben sind, so haben doch gerade die Gotteshäuser der Christen die wechselndsten Schicksale gehabt. Meist flüchtig und aus schlechtem Material gebaut, sind sie vorzugsweise ein Opfer geworden der vielen Zerstörungen und Plünderungen, der Feuersbrünste und des frommen Eifers, der immer aufs Neue bemüht war, die alten Gebäude zu verschönern und nach dem jeweiligen Geschmack der Zeit umzubauen. Gerade die Kirchen der ältesten Stiftung machen daher den modernsten Eindruck, und wo das Innere alter- ihümlich gelassen ist, da hat man wenigstens eine Façade im Zopfstyl vorgeklebt, so dass der flüchtig Vorüberwandelnde fast nur Kirchen aus dem 17. und 18. Jahrhundert in Rom zu erblicken wähnt. Diese Verschlimmbesserung ist mit so viel Consequenz durchgeführt, dass sie auch sogar diejenigen altchristlichen Kirchen betroffen hat, welche wir nicht in den Kreis unserer Betrachtung ziehen, weil sie eben nicht Basiliken sind, sondern Umwandelungen heidnischer Tempel. Hat sich doch das besterhaltenste altrömische Bauwerk, das herrliche Pantheon das Agrippa, die sogenannten Eselsohren des Bernini, die zwei hasslichen stylwidrigen Glockenthürmchen, gefallen lassen müssen. Aus den zuletzt angeführten Gründen ist deshalb die Specialforschung betreffs der Chronologie der noch jetzt vorhandenen altchristlichen Basiliken Roms sehr erschwert. Daraus folgt, dass auch die Sonderung der Zeiträume bei den einzelnen Denkmälern schwierig, oft unmöglich ist. Denn das liegt schichtenweise übereinander, wie geologische Formationen, die Jahrhunderte durchkreuzen sich vielfach, das Stylgefühl allein darf nicht immer entscheiden, da das Stylgefühl sich erst auf Grund einer feststehenden Bau- geschichte bis zur Sicherheit entwickeln kann, die Baugeschichte aber oft nur dürftig sich aus gelegentlichen Notizen etc. eruiren lässt. Die Kunstgeschichte des kaiserlichen Rom ist klar und sehr wohl erkennbar, die des altchristlichen Rom ist ausserordenitlich getrübt.

Ehe ich mich nun anschicke, Beschreibung und Baugeschichte einer besonders anziehenden Basilika, der des heil. Clemens, zu geben, halte ich es für angemessen, das Bild einer altchrist- lichen Basilika überhaupt wenigstens in ihren allgemeinen Zügen zu entrollen, und erst dann zu dem erwähnten concreten Beispiel überzugehen.

Wir treten durch einen Porticus ein, der eine Art von Vorbau bildet, vier Säulen, durch Bogen verbunden, mit einem kleinen Giebelfelde nach der Vorderseite hin überbaut. Nun stehen wir im Atrium oder Ouadriporticus, einem beinahe quadratischen Hof, den ringsum Säulenhallen umgeben, den ein genau in der Mitte befindliches Brunnenbecken(mpluvium, Cantharus) schmückt. Nach Aussen sind die Säulenhallen durch Wände geschlossen, denn der Säulenhof sollte ja eben nicht mit der lärmenden Welt draussen verbinden, sondern das Gotteshaus erst recht davor abschliessen.