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säulengetragenen herrlichen Dach, recht„ein Weihgeschenk an die Götter.“ Wem es vergönnt war durch die Säulen der Tempel zu Pästum hindurch das dunkelblaue Mittelmeer glänzen zu sehen, oder hinaufzublicken zur Akropolis von Athen, und die weiss und golden schimmernden Marmor- massen des Tempels der jungfräulichen Göttin sich leuchtend abheben zu sehen von dem dunkel- blauen attischen Abendhimmel, und von dem dunkelblauen griechischen Meer, der empfſindet es, welche tiefe Poesie in dieser Architektur waltet, so unmittelbar klar und verständlich, so unmittel- bar packend und ergreifend. Er empfindet auch, wie die Umgebung hier mitwirkt, ja mitzuwirken bestimmt ist. Ein solches Gotteshaus, Naturgottheiten geweiht, gehört völlig in die Natur ringsum mitten hinein, ein Stück von ihr. Diese Kunst ist eine Pflanze, ist die Nachbildung eines Natur- wesens, nicht der äussern Gestalt nach ein vorhandenes Naturgebild copirend, sondern indem sie der Natur ihr innerstes Bildungsprincip abgelauscht hat, gestaltet sie, die Kunst, oder sagen wir: gestaltet der Menschengeist ein seinem Wesen entsprechendes Gebild, derselbe Inhalt wie Natur, aber gleichsam Natur in anderer Sprache, in anderer Tonart, Natur unter einer höheren Potenz. Darum ist dieser Tempelbau wesentlich Aussenbau. Wie anders das christliche Gotteshaus. Wie sehr muss es auf den ersten Anblick gegen jenes zurücktreten! Dort so einfach, so organisch, so ursprüng- lich, hier so complicirt, so unharmonisch, so abgeleitet und entliehen, eine solche, man möchte sagen verzweifelte Verquickung von alt und neu, von heidnisch und christlich. Und doch, auch die altchristliche Basilika hat ihre Eigenart, hat ihre Ursprünglichkeit, ihre Lebensfähigkeit, ja hat ihre Schönheit. Sie ist freilich abgewandt von der Natur, sie zieht sich scheu zurück von der äussern Umgebung, ist gleichsam in sich versenkt, sie ist esentlich Innenbau. Das ist die eigentliche und wesentliche Grundverschiedenheit beider Arten von Gotteshäusern: Aussenbau dort, Innenbau hier. Darin wurzelt Alles andere. Entstanden in der Zeit des bereits sinkenden Römerreichs, ist die Basilika nicht mit ihm dahingegangen, sondern hat neues Leben aus ihrem Schooss geboren, so dass das kundige Auge in unzähligen, über das ganze Erdenrund zerstreuten, in anderthalb Jahr- tausenden erbauten christlichen Gotteshäusern mühelos die Züge der Mutter wiederzuerkennen vermag. Dies kann nicht blosser Zufall sein, denn einer so grossen Wirkung muss entschieden eine irgendwie damit im Verhältniss stehende Ursache zu Grunde liegen. Diese Ursache aber ist folgende:
Die altchristliche Basilika war nicht eine blosse Nachahmung römischer Bauten, sie war nicht die Erfindung eines Einzelnen, sondern das eigenste Werk des christlichen Gemeingeistes, hervor- gegangen aus den nothwendigen Bedürfnissen der eigenthümlich christlichen Gottesverehrung. Lässt Göthe im Götz den Franz so schön sagen, was den Dichter mache, nämlich„ein volles, ganz von einer Einpfindung volles Herz,“ so kann man auch hinzufügen, dass dies den Künstler überhaupt macht. Ein Volksgeist, erfüllt von hohen Gedanken, getrieben von einer Idee, er äussere sich künst- lerisch, und er wird eine wahrhaft künstlerische Schöpfung hervorbringen, vielleicht einfach und unscheinbar, aber lebensvoll, entwickelungsfähig. Der innere Drang des Gemüthes arbeitet am sicher- sten; je mehr ein Schaffen der verstandesmässigen Reflexion entbehrt, je mehr es in Aehnlickeit geschieht mit dem, was bei Thieren Instinkt genannt wird, also je grösser die Absichtslosigkeit, das unbewusst wirkende Gefühl, die Naivität des Schaffens, desto zweckentsprechender, ungekünstelter, natürlicher, innerlich wahrhaftiger erscheint das Produkt, desto mehr handelt der Geist zugleich unter der Form der Nothwendigkeit und unter der Form der Freiheit. Das höchste künstlerische Hervorbringen, es sei auf welchem Gebiet es wolle, wird am meisten in der eben beschriebenen Form geschehen.


