Jahrgang 
1873
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Die altchristlichen Basiliken Roms, insbesondere die Basilika San Clemente.

Das Leben, in welchen Gestaltungen es auch auf Erden auftritt, ist in seinen Anfäangen einfach und dürftig, in seinen Entwickelungen ein mühsames, langwieriges Ringen, sein Abwarts- schreiten ist bald rascher Verfall, bald langsames Hinschwinden, aber sein Höhepunkt, seine schönste Zeit, wo es am meisten der Vollendung seines Wesens sich nähert, ist kurz: auf endloses Wachsen, Kampfen, Vorbereiten eine kurze Blüthezeit, das ist das Loos des Irdischen, so verläuft das Leben des Einzelnen, so das Leben der Gesammtheiten, das Leben der Pflanze wie das Leben der Völker, das Leben in der Welt der Natur wie in der Welt des Geistes. Trostlos fürwahr, wenn dem nicht die Erfahrung zur Seite stände, dass in der grossen Einheit der irdischen Natur die Errungenschaft des Einzelnen Gewinn ist für das Gesammte; wo immer eine Einzelerscheinung den Höhepunkt errreicht hat, den zu erreichen ihr möglich war nach ihrer ganzen Anlage, da ist dies nichts Nich- tiges und Verlornes, da bildet dies Brücken und Ueberleitungen zu neuen Entwickelungsreihen. Wenn auch das eine Leben zerfällt, es heisst dann: Aus dem Tode Leben, aus verwesendem Samen neue Keime, aus den Ruinen neues Leben. Es gilt hier das Dichterwort:

5.. nichts ist verloren und verschwunden, Was die geheimnissvoll waltenden Stunden

In den dunkel schaffenden Schooss aufnahmen Die Zeit ist eine blühende Flur,

Ein grosses Lebendiges ist die Natur,

Und alles ist Frucht, und alles ist Samen.

Die vorstehenden Sätze schrieb ich nieder, indem ich vorzüglich an die zwei grossen Cultur- welten, die alte classische, und die christliche dachte, sowie an ihr Verhältniss zu einander, insbe- sondere an die alte classische und die christliche Kunstentwickelung. Dass die letztere aber aus der erstern entkeimte, von ihr genährt und an ihrem Wesen theilhabend, jedoch zugleich ein neues, selbständiges Leben führend, dies wird besonders klar an demjenigen Punkte, welcher stets der Ausgangs- und Angelpunkt der bildenden Künste gewesen ist, am Gotteshause.

Einfach und doch wunderbar erhaben, mässig gross und doch majestätisch, erhebt sich das

dorisch-griechische Tempelhaus, hoch vom Erdboden emporgehoben, ringsum freistehend, mit dem 1