8
Wenn ich hier von iſomorphen Salzen ſpreche, ſo verſtehe ich dieſen Ausdruck in ſeiner engſten Bedeu⸗ tung, ſchließe alſo von dem Begriffe der iſomorphen Salze alle homöomorphen Salze vollkommen aus. Ja ich muß ſogar von den iſomorphen Salzen im engeren Sinne noch diejenigen ausſchließen, welche nicht dieſelbe Anzahl von Aequivalenten Kryſtallwaſſer enthalten. Ich muß ferner noch bemerken, daß, wenn ein und das⸗ ſelbe Salz mit verſchiedenen Aequivalenten Kryſtallwaſſer kryſtalliſiren kann wie z. B. das ſchwefelſaure Na⸗ tron, welches mit 10 Aeq., 6 Aeq. und endlich auch mit gar keinem Kryſtallwaſſer vorkommt, das Erſtarren der überſättigten Löſung des einen Salzes durch eines der anderen Salze durchaus nicht bewirkt werden kann. Im Widerſpruche hiermit ſcheint auf den erſten Augenblick folgende Erſcheinung zu ſtehen. Wenn man in eine kalte überſättigte Löſung von ſchwefelſaurem Natron ein Partikelchen ſchwefelſaures Natron mit keinem Kryſtallwaſſer hineinfallen läßt, ſo ſieht man, daß nach einiger Zeit das Erſtarren der ganzen Löſung von dieſem Partikelchen ausgeht. Man ſollte alſo meinen, daß daſſelbe die Kryſtalliſation veranlaſſe. Es iſt dieſes jedoch nur indirekt der Fall. Es iſt nämlich bekannt, daß ſchwefelſaures Natron mit keinem Kryſtallwaſſer wenn man es in Waſſer bringt, aus demſelben allmählig Kryſtallwaſſer anzieht und ſich in ſchwefelſaures Natron mit 10 Aeq. Kryſtallwaſſer verwandelt. Das auf dieſe Weiſe ſich bildende neue Salz hat natürlich auch die Eigenſchaft, die überſättigte Löſung von ſchwefelſaurem Natron zum Erſtarren zu bringen. Mache ich mir eine überſättigte Löſung von irgend einem der 3 Salze des ſchwefelſauren Natrons, ſo wird dieſelbe augenblicklich nur durch das Salz mit 10 Aeg, zum Erſtarren gebracht. Es rührt dieſes daher, daß ſich bei der Auflöſung alles Salz in das Salz mit 10 Aeg. verwandelt. Ganz ähnliche Erſcheinungen treten auch bei anderen Salzen auf. Die Unterſuchungen, welche ſich auf die überſättigten Löſungen von Salzen be⸗ ziehen, die mit einer verſchiedenen Anzahl von Aeq. Kryſtallwaſſer vorkommen, ſind äußerſt ſchwierig, weil es ſehr ſchwer iſt, das eine Salz frei von den anderen herzuſtellen.
Aus allen dieſen Erſcheinungen läßt ſich der ganz ſichere Schluß ziehen, daß die das Erſtarren der überſättigten Löſungen bewirkenden Körperchen immer Partikelchen des in Löſung befſindlichen Salzes oder eines mit dieſem iſomorphen Salzes ſind.
Wenn man zu dieſem Schluſſe gelangt iſt, wird man ſich natürlich gleich die Frage vorlegen müſſen: „Iſt es möglich, daß in der Luft von allen Salzen, welche überſättigte Löſungen bilden können, Partikelchen vorhanden ſind?“ Ich will auf dieſe Frage ein wenig genauer eingehen, weil viele, die ſich mit der Frage über die Urſachen des plötzlichen Erſtarrens überſättigter Salzibſungen beſchäftigt haben, grade deßhalb, weil es ihnen unmöglich ſchien, daß in der Luft Partikelchen von ſo pielen Salzen porhanden ſein ſollten, meinten, daß die Urſachen des Erſtarrens ganz andere ſeien, als die, welche wir eben angeführt haben.
Ich glaube, ebenſo wie jene, die Möglichteit, daß ſopiele Salze in der Luft ſeien, verneinen, wenigſtens ſtark bezweifeln zu müſſen.
Es iſt zwar bekannt, daß in der Luft die verſchiedenſten chemiſchen Stoffe porhanden ſind, z. B, ergaben die genauen Unterſuchungen, welche Luca*) in Piſa 1860— 1864 mit Regenwaſſer und Schneewaſſer in verſchie⸗ denen Höhen anſtellte, einen nach der Höhe wechſelnden, nach unten hin verhältnißmäßig bedeutenden Gehalt an verſchiedenen unorganiſchen und an ſtickſtoffhaltigen organiſchen Salzen. Dennoch ſcheint es mix unmöglich zu ſein, daß in der Luft an einer Stelle gleichzeitig eine ſo große Menge von Salzen ſein ſollte, wie es wirklich der Fall ſein müßte, wenn die Partikelchen, welche das Erſtarren der verſchiedenen überſättigten Salz⸗ loſungen bewirken, in der Luft allgemein verbreitet wären.
*) J. pharm. XL1I. 359.


