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Nach meiner Anſicht wird bei den meiſten überſättigten Salzlöſungen das Erſtarren nicht durch Parti⸗ kelchen von Salz bewirkt, welche in der Luft allgemein verbreitet ſind, ſondern von ſolchen Partikelchen, welche in Folge der Herſtellung der überſättigten Löſungen in der nächſten Umgebung in der Luft ſich verbreitet haben oder an der inneren oder äußeren Seite der Behälter, in denen die überſättigte Löſung ſich befindet, haften geblieben ſind und durch eine Erſchütterung des Gefäßes oder durch den Luftzug in Berührung mit der überſättigten Löſung kommen.
Um dieſe meine Anſicht zu begründen, habe ich eine Reihe von genauen Unterſuchungen gemacht. Un⸗ ter Anderem machte ich mir eine ziemliche Anzahl von überſättigten Löſungen in kleinen Kolben mit der größ⸗ ten Vorſicht, ließ ſie längere Zeit verkorkt ſtehen, ſchüttelte die Kolben täglich mehrmals und erſetzte diejenigen Löſungen, welche erſtarrten, durch neue. Als in keinem Kolben, auch nach längerem Stehen, Erſtarren der Löſung erfolgte, konnte ich überzeugt ſein, daß an den inneren Wänden der Kolben keine Salzpartikelchen mehr haften geblieben waren.
Ein Aufenthalt in einem anderen Orte bot mir eine günſtige Gelegenheit die verſchiedenen überſättigten Löſungen, die ich mir ſo gemacht hatte, an einem Orte aufzuſtellen, der von der Stelle, wo ich die Löſungen gemacht hatte, weit entfernt war. Vorher reinigte ich die Außenſeite der Kolben ſorgfältig. In den beiden erſten Tagen, an denen die Kolben geöffnet der atmoſphäriſchen Luft frei ausgeſetzt da ſtanden, erſtarrten von 10 überſättigten Löſungen, nämlich von den Löſungen von ſchwefelſaurem Natron, kohlenſaurem Natron, un⸗ terſchwefligſaurem Natron, eſſigſaurem Natron, ſchwefelſaurer Magneſia, phosphorſaurem Natron, ſchwefelſau⸗ rem Eiſenoxydul, ſchwefelſaurem Zinkoxyd, borſaurem und weinſaurem Natron, nur zwei, nänlich die von ſchwefelſaurem und die von kohlenſaurem Natron.
Am 11. Tage erſtarrte noch die überſättigte Löſung von phosphorſaurem Natron. Bei allen anderen Löſungen trat während einer Zeit von 14 Tagen kein Erſtarren ein. Ließ ich hingegen dieſelben Salzlöſungen im Laboratorium oder in der Nähe des Ortes ſtehen, wo ich ſie gemacht hatte, ſo fand faſt immer ſchon nach wenigen Stunden das Erſtarren bei allen überſättigten Löſungen ſtatt. Daß bei den überſättigten Lö⸗ ſungen der drei genannten Salze das Erſtarren auch unter den obigen Umſtänden erfolgte, iſt ſehr natürlich, weil grade ſchwefelſaures, kohlenſaures und phosphorſaures Natron, wie auch die Unterſuchungen von Luca er⸗ geben haben, ziemlich allgemein in der Luft verbreitet ſind.
Die Schnelligkeit, mit der das Erſtarren der überſättigten Salzlöſungen erfolgt, iſt von dem Grade der Ueberſättigung abhängig und auch bei verſchiedenen Salzen verſchieden. Sehr groß iſt ſie z. B. bei dem eſſigſauren Bleioxyd und dem eſſigſauren Natron; langſam findet das Erſtarren faſt bei allen denjenigen Sal⸗ zen ſtatt, die, ohne Kryſtallwaſſer zu enthalten, doch überſättigte Löſungen bilden, ferner bei den meiſten orga⸗ niſchen Salzen mit Ausnahme der eſſigſauren. Auffallend iſt dieſes z. B. bei dem weinſauren Natron. Wäh⸗ rend es nämlich außerordentlich ſchwierig iſt, eine überſättigte Löſung von dieſem Salze herzuſtellen, die beim Erkalten nicht ſofort kryſtalliſirt, ſindet das Erſtarren einer bereits ohne zu erſtarren erkalteten Löſung erſt ganz langſam ſtatt, wenn man einen Kryſtall des Salzes hineinwirft.
Die Kryſtalle, welche ſich beim Erſtarren von überſättigten Salzlöſungen bilden, ſind oft verſchieden, je nachdem die Löſung mehr oder weniger überſättigt iſt. Genauere Unterſuchungen über die verſchiedenen Kry— ſtallformen, die bei einzelnen Salzen hierbei auftreten, hat M. Lecoq de Boisbaudon*) gemacht.
Die überſättigten Löſungen mancher Salze ſcheiden bei längerem Stehen Kryſtalle aus, die weniger Kryſtallwaſſer enthalten wie das gewöhnliche Salz. Die zurückbleibende Löſung iſt jedoch noch immer über⸗
*) Compt. rend. Jahrg. 1867 u. 1868.


