Jahrgang 
1869
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der überſättigten Löſungen bewirkten, ſo müßte zwiſchen der Zeit, nach welcher das Erſtarren der Lö⸗ ſungen erfolgt, und der Oeffnung des Gefäßes, in dem ſich dieſelben befinden, ein beſtimmtes Verhältniß ſein. Es iſt aber auch dieſes ein vollkommen falſcher Schluß. Daraus nämlich, daß ein ſolches Verhältniß nicht ſtattfindet, läßt ſich höchſtens der Schluß ziehen, daß die das Erſtarren bewirkenden feſten Partikelchen nicht in regelmäßiger Weiſe in der Luft vertheilt ſind, nicht aber, daß das Erſtarren gar nicht durch den Fall von feſten Partikelchen veranlaßt wird. Endlich ſagt Jeannel noch, daß überſättigte Löſung von weinſaurem Natron ſogar in luftleeren und zugeſchmolzenen Kolben immer kryſtalliſire. Bei den erſten Verſuchen, die ich hierüber anſtellte, gelang es mir in der That nicht, die überſättigte Löſung vor dem Erſtarren zu bewahren und ich wußte mir anfangs den hierin liegenden Widerſpruch mit meinen früheren Unterſuchungen nicht zu erklären. Bei noch öfterer Wiederholung des Verſuches bemerkte ich, daß das Erſtarren der überſättigten Lö⸗ ſung von einer einzigen oder von zwei bis drei Stellen ausging und ſich von da ſchnell über die übrige Flüſ⸗ ſigkeit verbreitete. Dies brachte mich zur Vermuthung, daß das Erſtarren von kleinen Kryſtallen von wein⸗ ſaurem Natron, die noch in der Flüſſigkeit unaufgelöſt geblieben, veranlaßt werde. In der That konnte ich durch eine ſcharfe Lupe in der Löſung kleine Kryſtalle deutlich unterſcheiden, von denen ſpäter beim Erkalten die Kryſtalliſation ausging. Ein Durchfiltriren der überſättigten Löſung gelang mir nicht; obſchon ich den Trichter ſtark erhitzte, fand doch die Erſtarrung der Löſung zum Theil ſchon im Trichter ſtatt und in der durchfiltrirten Flüſſigkeit befanden ſich eine ſolche Menge von kleinen Kryſtallen, daß man ſie ſchon mit freiem Auge ſehen konnte. Um eine überſättigte Löſung zu erhalten, die frei von ſuspendirten Kryſtallen ſei, machte ich mir eine Löſung des Salzes in kaltem Waſſer, wobei ich ſoviel Waſſer nahm, daß ich überzeugt ſein konnte, daß alles Salz in Löſung übergehe und daß die erhaltene Löſung noch nicht einmal geſättigt ſei. Dieſe Löſung dampfte ich ſtark ein, wobei ich den Kolben fortwährend ſchüttelte, um zu verhindern, daß ſich am Rande Kryſtalle abſetzten. Die ſo erhaltene überſättigte Löſung brachte ich in einen Reagircylinder, erhitzte dieſen und verpfropfte ihn, während die Löſung noch ſiedete. Dieſe überſättigte Löſung habe ich mehrere Wo⸗ chen hindurch verwahrt, ohne daß ein Erſtarren erfolgte. Später überzeugte ich mich noch nachträglich davon, daß die Löſung durch das Abdampfen auch wirklich ſtark überſättigt geworden war.

Nach allen dieſen Verſuchen iſt, glaub' ich, kaum noch ein Zweifel darüber zu hegen, daß die Anſichten Jeannels vollkommen falſch ſind und daß das Erſtarren durch feſte Körperchen veranlaßt wird, die entwe⸗ der in der Flüſſigkeit noch ſuspendirt ſind oder von den Wänden des Gefäßes oder aus der Luft in ſie hinabfallen,.

Wir wollen uns nun zunächſt damit beſchäftigen, die Eigenſchaften dieſer Partikelchen, welche das Er⸗ ſtarren veranlaſſen, zu ermitteln zu ſuchen, um etwas Sichexes über ihre Natur feſtſtellen zu können. Zunächſt erkennen wir ſchon daraus, daß der Zeitraum, nach welchem das Erſtarren von überſättigten Löſungen erfolgt, in keinem Verhältniſſe zu der Oeffnung des Gefäßes ſteht, in dem ſich die überſättigte ſung befindet, ferner daraus, daß oft in Gefäßen mit kleiner Oeffnung das Erſtarren ſogar ſchneller erfolgt, wie in Gefäßen mit großer Oeffnung, endlich daraus, daß das Erſtarren bald ſchnell, bald langſam, bald gar nicht erfolgt: daß die Partikelchen, welche das Kryſtalliſiren der überſättigten Löſung bewirken, in der Luft nur einzeln vorkommen, durchaus nicht auf regelmäßige Weiſe in ihr verbreitet ſind und oft gänzlich fehlen. Weil ferner an ein und derſelben Stelle die überſättigten Löſungen des einen Salzes langſam oder gar nicht erſtarren, während die eines anderen Salzes ſchnell erſtarren, ſo müſſen die feſten Partikelchen, welche bei dem einen Salze das Erſtarren bewirken, oft oder vielleicht immer von anderer Art und ſeltener in der Luft ſein, wie bei dem anderen Salze. 1*