Jahrgang 
1869
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Mit dem bis jetzt Geſagten ſtehen eine Reihe von Behauptungen, welche Jeannel*) aufſtellt, in ganz direktem Widerſpruche und wir müſſen daher auf einige der Verſuche Jeannels näher eingehen, um nachzu⸗ weiſen, auf welche Art und Weiſe Jeannel bei ſeinen Verſuchen durch ungenaue Experimente auf falſche Reſultate kam. Um nämlich zu beweiſen, daß die Größe der Fläche, auf der die überſättigte Löſung ausge⸗ breitet iſt, auf das Erſtarren Einfluß habe, führt Jeannel zunächſt an, daß man vermittelſt einer feinen Röhre überſättigte Löſung von ſchwefelſaurem Natron in Tropfen auf eine Glasplatte bringen und ſie dort erkalten laſſen könne, ohne daß ein plotzliches Erſtarren erfolge. Als ich den Verſuch zum erſten Male machte, fand ich Jeannels Behauptung beſtätigt, indem kein plötzliches Erſtarren der einzelnen Tropfen erfolgte, ſondern ein ganz allmähliges Verdunſten und Ausſcheiden von kleinen Kryſtallen. Beim zweiten Verſuche zeigten ſich dieſelben Erſcheinungen. Beim dritten jedoch fand ſchon nach Verlauf einiger Secunden die plötzliche Erſtarrung einiger Tropfen ſtatt. Dieſer Verſuch zeigte mir ſchon, daß das plöͤtzliche Erſtarren auch bei den kleinen Tropfen erfolgen könne. Um jedoch auch darüber Aufklärung zu erhalten, ob dadurch, daß die über⸗ ſättigte Löſung in einzelnen kleinen Tropfen ſich auf der Glasplatte befindet, eine Verhinderung oder doch Ver⸗ zögerung in der plötzlichen Kryſtalliſation hervorgebracht werde, füllte ich eine Anzahl von Reagircylindern mit überſättigter, ſchon erkalteter Löſung von ſchwefelſaurem Natron und ſtellte ſie dicht neben Glasplatten auf, auf die ich Tropfen derſelben überſättigten Loſung von der Größe der Oeffnung der Reagireylinder brachte. Ich beobachtete nun die Reagircylinder und die Tropfen eine Zeit lang, notirte mir die Anzahl der Reagir⸗ cylinder, in denen die Löſung erſtarrte, und die Anzahl der erſtarrten Tropfen. Länger wie zwei bis höch⸗ ſtens drei Minuten beobachtete ich nie, weil dann, beſonders wenn die Löſung ſtark überſättigt war, ſich auf den kleinen Tropfen in Folge der raſchen Verdunſtung des Waſſers Kryſtalle anſammelten und natürlich theil⸗ weiſe verhinderten, daß die aus der Luft herabfallenden Staubpartikelchen mit der Löſung in Berührung kamen. Das Reſultat dieſes Verſuches, den ich einige Mal wiederholte, war, daß die Anzahl der erſtarrten Tropfen und die Anzahl der in den Reagircylindern erſtarrten Löſungen nur wenig verſchieden waren; ja die Anzahl der erſtarrten Tropfen war ſogar noch etwas größer.

Wenn bei Jeannels Verſuchen die Tropfen nicht erſtarrten, ſo würde auch, wenn man dieſelbe über⸗ ſättigte Löſung in Reagircylindern mit einer ebenſo großen Oeffnung, wie die Tropfen, an dieſelbe Stelle geſetzt hätte, wenigſtens in den erſten Minuten kein Erſtarren erfolgt ſein. Bei allen Unterſuchungen mit überſättigten Salzlöſungen darf man überhaupt erſt nach einer größeren Anzahl von Verſuchen, die man mit der größten Vorſicht gemacht, und die immer daſſelbe Reſultat ergeben haben, Schlüſſe auf die Natur der Erſcheinungen machen. Daß Jeannel dieſes nicht beobachtet hat, iſt ein Hauptgrund für ſeine Irrthümer. Ganz ähnlich wie mit der eben angeführten Behauptung Jeannels verhält es ſich mit der zweiten, daß nämlich überſättigte Löſung von ſchwefelſaurem Natron ſich in Glasröhren von 0,003 bis 0, 004 Durch⸗ meſſer beliebig lange in Berührung mit der Luft bewahren laſſe, ohne zu erſtarren. Hier tritt außerdem noch der Umſtand hinzu, daß, wenn die überſättigte Löſung nicht bis an den Rand der Glasröhre ſteht, das plötz⸗ liche Erſtarren der Löſung leicht dadurch verzögert oder ſogar ganz verhindert werden kann, daß die aus der Luft herabfallenden Staubpartikelchen nicht an die überſättigte Löſung gelangen, ſondern an den Wänden der Glasröhre hangen bleiben.

Wir ſehen hieraus, daß auch der Schluß, den Jeannel aus dieſen beiden Erſcheinungen macht, daß nämlich die Größe der Fläche, auf der die überſättigte Löſung ſich ausbreitet, von bedeutendem Einfluſſe auf das plötzliche Erſtarren ſei, ganz falſch iſt. Die plötzliche Kryſtalliſation von überſättigten Löſungen iſt viel⸗ mehr durchaus nicht gehindert, wenn auch die Menge der überſättigten Löſung noch ſo unbedeutend im Ver⸗ gleiche zu der Fläche iſt, mit der ſie ſich in Berührung befindet.

Jeannel behauptet ferner, wenn feſte Partikelchen, die ſich in der Luft befünden, das Erſtarren

2) Compt. rend. LXI, 412.