Jahrgang 
1869
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gleichmäßig vor ſich. Die erſte Menge löſt ſich gewöhnlich ziemlich ſchnell auf; iſt aber in dem Waſſer ſchon ein Theil des Salzes bereits aufgelöſt, ſo geht die Auflöſung immer langſamer vor ſich und die letzten Theile löſen ſich nur äußerſt ſchwierig auf, meiſtens erſt nach längerem Stehen und mehrfachem Schütteln.

Bei den Unterſuchungen, die man über die Löslichkeit der Salze anſtellte, verfuhr man daher, um ſicher zu ſein, daß alles Salz, welches in einer beſtimmten Waſſermenge löslich iſt, ſich in dieſer auch wirklich löſe, gewöhnlich ſo, daß man das Salz bei einer höheren Temperatur auflöſte und die Löſung alsdann erkalten ließ. Beim Erkalten ſchied ſich dann ein Theil des Salzes aus und man hatte in der zurückbleiben⸗ den Flüſſigkeit eine für die beſtimmte Temperatur geſättigte Löſung. Bei Unterſuchungen dieſer Art bemerkte man jedoch bald, daß nicht immer ein Ausſcheiden von Salz beim Erkalten eintrat, daß vielmehr oft alles Salz, welches ſich bei der höheren Temperatur gelöſt hatte, wenigſtens eine Zeit lang noch in Löſung blieb und die Flüſſigkeit ſomit mehr Salz aufgelöſt enthielt, als ſich bei derſelben Temperatur in der Flüſſigkeit gelöſt haben würde. Eine derartige Löſung nannte man eine überſättigte. Es haben durchaus nicht alle Salze, die ſich in Waſſer löſen, die Eigenſchaft, überſättigte Löſungen bilden zu können; ſo wird z. B. wenn man das gewöhnliche Kochſalz in der Wärme auflöſt, ſich beim Erkalten langſam immer ſoviel Salz abſcheiden, daß die Löſung nur ſoviel Salz mehr aufgelöſt enthält, als ſich bei der betreffenden Temperatur aufgelöſt haben würde. Das Kochſalz bildet ſomit keine überſättigte Salzlöſung. Die Eigenſchaft überſättigte Salzlöſungen zu bilden haben mit wenigen Ausnahmen nur waſſerhaltige Salze, beſonders ſolche, welche einen hohen Grad von Löslichkeit beſitzen.

Diejenigen Salze, von denen es mir gelungen iſt, überſättigte Löſungen darzuſtellen und die ich zu meinen Unterſuchungen benutzt habe, ſind: kohlenſaures, ſchwefelſaures, unterſchwefligſaures, phosphorſaures, borſaures, eſſigſaures, weinſaures und citronſaures Natron, ſalpeterſaures Ammoniak, eſſigſaures Lithion, phos⸗ phorſaures und eſſigſaures Ammoniak, ſchwefelſaure und ſalpeterſaure Magneſia, ſchwefelſaure Berylllerde, ſchwefelſaures Eiſenoxydul, ſchwefelſaures Zinkoxyd, ſchwefelſaures Nickeloxydul, ſchwefelſaures Kobaltoxydul, eſſigſaures Bleioxyd und ſchwefelſaures Kupferoxyd, außerdem einige Alaune und andere Doppelſalze.

Läßt man zu einer überſättigten Salzlöſung die atmoſphäriſche Luft hinzutreten oder bringt mit der Löſung irgend welche feſte Körper in Berührung, ſo findet in ſehr vielen Fällen eine plötzliche Erſtarrung und Kryſtalliſation der Löſung ſtatt. Die Kryſtalliſation geht gewöhnlich von einem Punkte aus und verbreitet ſich von dort ſtrahlenförmig nach den übrigen Theilen der Flüſſigkeit, oft mit ſehr großer Geſchwindigkeit, be⸗ ſonders wenn die Löſung ſtark überſättigt war. Hierbei findet immer Wärmeentwicklung ſtatt, welche oft z. B. bei den überſättigten Löſungen von eſſigſaurem Natron und von ſalpeterſaurem Lithion ſehr bedeutend iſt. Schon ſeit einer Reihe von Jahren haben ſich Chemiker und Phyſiker damit beſchäftigt, die Urſachen dieſer Erſcheinung zu erklären zu ſuchen, ohne daß übereinſtimmende Reſultate erzielt worden ſind.

Man brachte die Erſcheinung zuerſt mit der ganz ähnlichen in Verbindung, daß man Waſſer, geſchmol⸗ zenen Phosphor, geſchmolzene Salze ꝛc., wenn man ſie unbewegt ſtehen läßt und vor Luftzug ſchützt, erkalten laſſen kann und zwar z. B. das Waſſer bis auf mehrere Grade unter 0o, ohne daß ſie den feſten Zuſtand annehmen. Dieſe Erſcheinung erklärt man ſich dadurch, daß man annimmt, die einzelnen Moleküle beſtrebten ſich in Folge ihrer Trägheit den einmal angenommenen Zuſtand beizubehalten. Das plötzliche Erſtarren von überſättigten Salzlöſungen kann jedoch hiermit nicht in Zuſammenhang ſtehen, weil ſonſt das Erſtarren der⸗ ſelben ebenſo gut dann ſtattfinden müßte, wenn man ſie in Gefäßen aufbewahrt, die vor dem Zutritte der atmoſphäriſchen Luft geſchützt ſind; was aber durchaus nicht der Fall iſt. Denn eine überſättigte Salzlöſung erſtarrt bei Abſchluß der atmoſphäriſchen Luft bei gewöhnlicher Temperatur nie, wenn man bei der Herſtellung