Jahrgang 
1861
Einzelbild herunterladen

9

Den Einzelheiten des indiſchen Feldzugs folgen wir nicht. Das Indusland ward in zwei Satrapien und mehrere Vaſallenkönigreiche getheilt; am Hyphaſis ſetzte ſich Alexander die Grenze oder ſie ward ihm von dem geſunden Sinne des Heeres aufgedrungen. Vielleicht hatte Alexanders eigener Entſchluß daran ſo viel Theil als der Widerwille ſeines Heeres; denn es iſt ſchwer zu glauben, daß er ernſtlich an die Eroberung auch des Gangeslandes gedacht habe, von deſſen Ausdehnung und Beſchaffenheit er doch genaue Kunde haben mußte(Arr. 5, 25, 1). Die Indusflotte, welche nach Diod. 17, 89 ſchon zuvor gebaut wurde, hätte unter der Vorausſetzung ſo weitausſehender Züge nach dem ferneren Oſten keinen rechten Sinn; über die Unſicher⸗ heit ſeiner Operationslinie konnten ihn ſchon die Kämpfe mit Porus belehren; und die Art, wie er für die Regierung des indiſchen Landes ſorgte, die Entdeckungsfahrt den Indus hinab, die Inſtructionen für Nearchos u. ſ. w. zeigen wohl deutlich, daß er keine chimäriſchen Plane hegte, und daß er, wenn er auch den Dionyſos⸗ und Herakles⸗Fabeln gelegentlich Rechnung trug, doch keinen Augenblick vergaß, wie er ſcherzend gegen ſeine Freunde es ausſprach, daß nicht 2ꝛο, ſondern æluc in ſeinen Adern fließe. Vielleicht wollte er den Schein haben, als mache er ſeinen Macedoniern ein großes Zugeſtändniß: als ſolches wenigſtens wurde der Entſchluß der Umkehr von dieſen begrüßt; jeden vernünftigen Zweck, den er in Indien verfolgen konnte, hatte er erreicht.

Auch in dieſer Zeit ging die Förderung der Reichseinheit mit dem Erobern Hand in Hand. In den kriegeriſchen Unternehmungen ſelbſt lag ein Moment der Einheit. Griechen, Macedonier und Barbaren mußten ſich als Waffengefährten näher kommen und ſich bis zu einem gewiſſen Grad verſtändigen. Die muſiſchen und gymniſchen Spiele, die Coloniſationen, die Hervorſuchung der gemeinſamen Religionsvorſtellungen zeigen, wie aufmerkſam Alexander jedes Moment der Einheit benutzte. Von dem letzteren ſind die Geſandtſchaft der Ny⸗ ſäer Arr. 5, 1 und die Sendung des Cynikers Oneſikritos(Alex. histor. script. ed. Geier p. 90 fragm. 10), eine politiſche Sendung, welche die mächtige Brahmanenkaſte gewinnen ſollte, ſprechende Beiſpiele.

III. Mit Alexanders Rückkehr beginnt eine neue Epoche, die Epoche der Organiſationen, deren Grund⸗ züge und Principien ſich jetzt erſt überblicken laſſen. Der große Sieg, die Vollendung der Eroberungen und der unumſchränkten Königsgewalt, erhielt ſeinen beſtimmten und deutlichen Ausdruck in dem großen Vermäh⸗ lungsfeſt zu Suſa. Die Macedonier ſelbſt waren andere geworden; den aſiatiſchen Luxus, den raſchen Wechſel zwiſchen ſchwelgeriſcher Ruhe und raſtloſer Thätigkeit, wie ihn dieſes Soldatenleben mit ſich brachte, hätten auch ſie nicht mehr miſſen mögen. Noch einmal flammte der altmacedoniſche Geiſt des Heeres in dem Lager von Opis auf, aber umſonſt: ruhig bezogen die perſiſchen Truppen die Wache; und dies Mal waren es die Macedonier, welche die Gnade ihres Königs wieder ſuchten. Indem der König den Veteranen die Entlaſſung, das Wiederſehen der Heimath gleichſam als eine Gunſt verlieh, machte er ſie, die es dunkel fühlten, zu Werkzeugen ſeiner organiſatoriſchen Plane.

Grote hat(p. 242. 352 369) ein Urtbeil über Alexanders Regententhätigkeit gefällt, deſſen Summe er ſelbſt in dem Satze ausſpricht:Alexander hatte ein Reſultat erreicht, das im Weſentlichen demjenigen entſpro⸗ chen hätte, welches 150 Jahre früher durch Xerxes Plan, Griechenland der perſiſchen Monarchie einzuverleiben, erreicht worden ſein würde, wenn dieſer Plan gelungen wäre; und weiterhin ſagt er, daß Alexander das Syſtem der perſiſchen Monarchie fortgeſetzt haben würde mit keiner anderen Verbeſſerung als der einer ſtarken Organiſation. Dies iſt eine Halbwahrheit. Eben, indem man ſeine Organiſationen mit denen des Perſer⸗ thums vergleicht, wird ſich ihr überlegen helleniſcher Geiſt, den Grote leugnet, am deutlichſten erkennen laſſen.

Ein ſo durchaus verächtliches Ding, wie es der gewöhnlichen Vorſtellung vorſchwebt, war das per⸗ ſiſche Reich überhaupt nicht und war es auch damals noch nicht. Es läßt ſich nicht leugnen, daß in der Ein⸗ richtung des perſiſchen Reichs, wie ſie beſonders durch den erſten Darius feſtgeſtellt war, alle äußerlichen Motive, welche eine ſtraffe und einheitliche Regierung fördern konnten, mit Umſicht und Scharfblick benutzt waren. Eine große Kunſtſtraße zog ſich von Sardes bis Suſa, auf der die Berichte der Statthalter, die königlichen Befehle und die königlichen Truppen mit einer Schnelligkeit ſich bewegten, die jede andere über⸗