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organiſchen Ganzen. Seien Sie, meine verehrten Herren Mitarbeiter, überzeugt, daß ich die Leitung deſſelben übernehme, durchdrungen von dem klaren Bewußtſein, daß das Gedeihen und die kräftige Wirkſamkeit eines jeden Organismus bedingt iſt dadurch, daß jedes Glied dem Ganzen diene, daß eine Seele die verſchiedenen Glieder erfülle. Sie ſind mir bereits mit ſo freundlichen wahrhaft collegialiſchen Geſinnungen entgegengetreten, daß ich der ſchönen Ueberzeugung lebe, es werde das gemeinſchaftliche ernſte Streben nach dem gemeinſamen erhabenen Ziele uns recht bald feſt und innig verbinden ſowohl zu unſerer eigenen gegenſeitigen Förderung und Kräftigung, als auch zum Heile der uns anvertrauten Menſchenſeelen.
Auch Sie, verehrte Eltern der Zöglinge dieſer Anſtalt, deren zahlreiche Anweſenheit zu meiner großen Freude Ihre lebhafte Theilnahme an dem wichtigen heutigen Akte bezeugt, ſind ja unſere Mitarbeiter an dem⸗ ſelben Werk. Laſſen Sie uns deſſen ſtets eingedenk ſein, daß unſer Ziel in ſeiner letzten höchſten Auffaſſung daſſelbe iſt, das Heil Ihrer Kinder, auf daß wir unſere Arbeit an den Seelen derſelben gegenſeitig fördern, damit dieſelben um ſo ſicherer des Segens theilhaftig werden, welchen ihnen zu bereiten Ihre wie unſere heilige Pflicht iſt. Unterſtützen Sie die ernſte Disciplin der Schule durch die Zucht des Elternhauſes, weiſen Sie zurück den Hang zu zerſtreuenden Vergnügungen, zu Eitelkeit und vorlautem Weſen, hegen und pflegen Sie die Ehrfurcht und Pietät gegen wahrhaft Großes und jene kindliche Einfalt des Herzens, edle Scham und Schüchternheit, die dem Jünglinge ſo ſchön ſteht und die hervorgeht aus dem demüthigen Gefühl eigener Unbedeutendheit, welches der einzige Keim iſt zu einſtigen bedeutenden Leiſtungen.
Hochverehrter Herr Geheimer Rath! Die Worte, mit welchen Sie die Pflichten, welche ſich an die Ehre dieſem Gymnaſium vorzuſtehen knüpfen, ausgeſprochen haben, ich habe ſie in offenem Herzen aufgenommen. Die ſchwerwiegende Bedeutſamkeit dieſer Pflichten verkenne ich nicht, den ernſten Willen ihnen nach dem Maße menſchlicher und ſpeciell nach dem Maße meiner ſchwachen Kraft zu genügen bringe ich mit. Der Endzweck alles meines Thuns und Strebens wird ſein das Gedeihen und die Blüthe der Anſtalt, welche meiner Leitung übergeben iſt. Daß Sie, hochverehrter Mann, mir dazu Ihren erfahrenen Rath und Ihren Beiſtand ſchen⸗ ken, iſt meine Bitte. Und der allmächtige Gott, der ja treuem Streben ſeine Hülfe nicht verſagt, wird mein Werk ſegnen.
Ja, du barmherziger, gnäcdiger, ſtarker Gott, ſiehe gnädig herab auf mich und meine Schwachheit, ſiehe an mein Wollen, nicht mein Vollbringen. Unſer menſchliches Thun, es iſt ja eitel Stückwerk, wenn Du nicht mit Deiner Kraft uns beiſtehſt! Segne mir dieſe heilig-ernſte Stunde, ſegne meine Mitarbeiter in Deinem Weinberge, ſegne dieſe Anſtalt! Schenke uns Deinen Geiſt, den Geiſt des Rathes, der Weisheit und der Gnade, auf daß unſer Werk wohl gelinge, das ja doch zuletzt Dein Werk iſt. Amen!
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