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Beſonders aber iſt es die ganze vom Evangelium getragene Perſönlichkeit derer, die der Jugend ein Muſter und Vorbild ſein ſollen, welche chriſtlichen Sinn in die jungen Gemüther pflanzt; ſchauen unſere Zög⸗ linge nicht in unſerer Geſinnung, in unſerem Wandel und Leben die chriſtliche Innigkeit und Liebe verkör⸗ pert, ſind wir ſelbſt nicht gegründet auf den Fels, welcher iſt Chriſtus, ſpricht nicht er aus aller unſerer Lehre, unſerer Ermahnung, unſerer Züchtigung, ſo vermögen die wenigen Stunden des Religionsunterrichts wohl zu einem Wiſſen von religiöſen Dingen zu führen, das Chriſtenthum aber zu einem Sauerteige zu machen, der ihr ganzes Sein durchgähre, das werden ſie allein nicht vermögen.—
Das ſind, geliebte Zöglinge, die reichen, köſtlichen Schätze, welche Ihr Euch erarbeiten werdet, wenn Ihr mit redlicher Anſtrengung und treuem Bemühen darnach trachtet. Ohne kräftige Arbeit werden ſie nicht Euer. Wie das edle Gold im Innern der Erde feſt umſchloſſen liegt von hartem Geſtein, ſo ſind auch dieſe Schätze des Geiſtes und der Seele herauszuſchälen aus mancher harten Schale und ſprödem Stoffe. Aber das eben iſt auch ein Segen, daß Ihr dabei Eure Kraft gebrauchen lernet. Nur Gebrauch der Kraft ſtählt die Kraft, und Kraft, gewaltiger Kraft des Geiſtes und der Seele werdet Ihr bedürfen im Leben, das ja ein Kampf iſt. Kennet Ihr nicht das große Wort jenes gewaltigen Mannes, der darum ſo groß war, weil er ſich zu ſolcher Kraft und Elaſticität des Geiſtes emporgearbeitet hatte, daß er alles ſich ihm entgegen⸗ ſtellende Material, wie maſſenhaft es auch ſein mochte, mit Leichtigkeit zu bewältigen vermochte, das Wort: „Wenn Gott in ſeiner Rechten alle Wahrheit und in ſeiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obſchon mit dem Zuſatze, mich immer und ewig zu irren, verſchloſſen hielte und ſpräche zu mir: wähle! ich fiele ihm mit Demuth in ſeine Linke und ſagte: Vater gieb! die reine Wahrheit iſt ja doch nur für dich allein!“ So ſüß iſt das Ringen nach Wahrheit, ſo ſüß das Bewußtſein von Tag zu Tage mehr zu wachſen an Erkenntniß, Kraft und Veredlung.— Ihr ſollt ja einſt hinaustreten in das Gewühl des gewöhn⸗ lichen und öffentlichen Lebens, ſollt es mit Eurem Geiſte theils erhalten, theils auch beſſern und fördern helfen. Daher pflanzen wir früh in Eure Herzen ſolche Geſinnungen, welche auf gründlicher Erkenntniß von dem Werthe des geiſtigen und ſittlichen Lebens neben und über dem materiellen Leben beruhen, Geſinnungen, mit denen Ihr feſtſtehen könnt gegen den Andrang des Niedrigen und Gemeinen, deſſen es nach einem ewigen Naturgeſetze aller Orten giebt und geben wird. Die liebe Jugend, deren Seelen ſich meinem hierzu mahnenden Worte in Vertrauen und Hingebung geöffnet hatten, mußte ich vor wenig Wochen verlaſſen, ich that es ſchweren Herzens. Aber bald ſtimmte mich wieder freudig die Zuverſicht, daß ich hier in meiner neuen Hei⸗ math Jünglinge wiederfinden würde, welche nicht minder dürſte nach klarer Erkenntniß und feſtem Wiſſen, in deren Herzen nicht lauer flamme die Begeiſterung für das Schöne, Edle, Gute, nicht ſchwächer glühe das Verlangen nach ſittlich-religiöſer Kräftigung und Feſtigung, Jünglinge, die ſich in Anhänglichkeit hingeben würden dem, der gekommen wäre auch an ſeinem Theile jenen Durſt zu ſtillen und dieſem Verlangen zu genügen. Und dieſes Vertrauen, das werdet Ihr, meine lieben Schüler, zu rechtfertigen wiſſen.
Meine verehrten Herren Collegen! Es iſt ja die bezeichnete Aufgabe unſere gemeinſame Aufgabe, wir ſind ja Alle durchdrungen von dem erhabenen Bewußtſein, daß unſer Beruf ein hochheiliger iſt, daß auf der Treue, mit der wir ihn führen, das Wohl und Wehe ſo vieler Menſchenſeelen beruht, wir ſind Alle von demſelben Wunſche beſeelt, unſer Werk mit Segen gekrönt zu ſehen. Wir wiſſen es ja, daß wir zu edler Geſinnung und That, zu ſittlicher Freiheit nicht allein erziehen werden durch die Strenge des Geſetzes, welches mit un⸗ beugſamer Gerechtigkeit und Entſchiedenheit zu handhaben wir auch berufen ſind, wir wiſſen aber, daß wir tiefer und ſegenbringender wirken werden durch die ſuchende Liebe, welche dem Verirrten nachgeht und dem Schwachen unter die Arme greift. Wir werden zu ſtrafen haben, wir werden unnachſichtlich ſtrafen jeden Eigenwillen und Ungehorſam, Trägheit und Läſſigkeit, aber wir werden züchtigen in dem Geiſte der Liebe, wie der Vater ſein liebes Kind züchtigt, ſo daß der Gezüchtigte empfinde: Es iſt meine Seele, welche die Schule auch in der Strafe ſuchet.— Zu der Erfüllung unſeres Werkes ſind wir vereinigt zu einem Collegium, einem


