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Als drittes und höchſtes Element unſeres Lebens nannte ich oben das Chriſtenthum. Unſer deutſches Volk war durch die Tiefe und Innigkeit ſeines Gemüthes vor allen dazu befähigt und auserleſen Träger des Chriſtenthums zu ſein, und iſt es auch geworden. Sobald es ſich ihm einmal zuwendete, gab es ſich ihm mit ſeinem ganzen Leben und Weſen rückhaltlos hin, denn was das deutſche Volk war, es war es von jeher ganz, und das eben fordert das Chriſtenthum, ganz muß es den haben, der ſeine Segnungen ſchmecken ſoll. So wurde das Chriſtenthum ein neugebärendes, wahrhaftes Lebenselement des deutſchen Volkes, und dieſes fand in ihm Jahrhunderte lang innerſte Befriedigung, zweifelloſe Sicherheit und heiteren Seelenfrieden. Später war es dann wieder deutſche Glaubenstiefe und Ueberzeugungstreue, welche die größte Geiſtes⸗That des Mit⸗ telalters, die Reinigung der göttlichen Lehre von Menſchenſatzungen vollführte. Allerdings ſind auch wieder Zeiten ſowohl des Unglaubens als der ſchalen Flachheit hereingebrochen, wo der menſchliche Verſtand, vergeſſend daß er ein dumm Ding ſei, glaubte auch dieſe Gebiete des Glaubens ausmeſſen und ergründen zu müſſen und für eitel Phantaſterei erklärte, was er nicht begreifen konnte. Dieſe Richtung, ſie iſt noch kaum erſt überwunden, aber es beginnt doch in unſerer Zeit ſich immer mehr in den Herzen der Menſchen geltend zu machen das Bußegefühl der tiefen unentfliehbaren Sündhaftigkeit, der Angſtſchrei nach Erlöſung durch eine erbarmende Vatergüte und Gnade und die gläubige Ergreifung dieſer Erlöſung in dem unſchuldigen Blute des Gottesſohnes, es erſchließen ſich doch immer mehr Herzen der Einfalt kindlichen Glaubens, der Hingabe und Verleugnung des ſtolzen armen Ich.
Dieſe tiefere, innigere Erfaſſung des ewigen Heils auch an ſeinem Theile zu fördern iſt eine heilige Aufgabe des Gymnaſiums, eine heilige Pflicht gegen die Menſchheit im Ganzen wie gegen ſeine Pflegebefoh⸗ lenen im Beſonderen. Und es iſt ja auch ſchon jene dürre, troſtlos⸗kalte Moral, welche glaubte losgelöſt von der Glaubenslehre ihre Schüler unterweiſen zu können in den rechten Sitten und ſich Sittenlehre nannte, von den Gymnaſien verſchwunden, und die Erkenutniß zur Anerkennung gelangt, daß einzig aus der Wurzel des rechten Glaubens der rechte Wandel erwachſen köͤnne. Was würden denn unſere Zöglinge mit aller geiſtigen Schärfe und Gewandtheit für ihre Seele, ihr ewiges Heil gewonnen haben, wenn nicht dieſe Eigenſchaften geadelt, geweiht und geheiligt wären durch chriſtliche Liebe und chriſtliche Demuth, wenn ſie nicht durchdrungen wären von der Erkenntniß, daß ſie mit all ihrem bloß menſchlichen Wollen und Können doch nur müßten erfunden werden als unnütze Knechte vor dem Herrn. Chriſtlicher Liebesſinn, demüthiger Gehorſam gegen Gott und Menſchen iſt vor Allem den Jünglingen, die ſpäter in den Aemtern des Staats und der Kirche das Leben weiter bilden ſollen, ins Leben mitzugeben, damit ſie feſtſtehen können gegen die Verſuchungen der Welt und des eigenen Herzens. In dieſe Aufgabe theilt ſich das Gymnaſium mit dem Elternhauſe, aber wenn auch leider nicht ſelten noch manches Elternhaus dieſer Pflicht ſich entſchlägt, ſo darf um ſo weniger das Gymnaſium läſſig werden chriſtlichen Sinn und chriſtliche Zucht zu pflegen. Vor allen Dingen iſt es noth den Schülern das Bewußtſein lebendig zu erhalten, daß ſie Glieder der kirchlichen Gemeinſchaft ſeien, ſie zu engem Mitleben mit der Kirche anzuhalten. So muß denn auch der Religionsunterricht ſie immer wieder hinführen auf die Bibel als den alleinigen Grund unſerer Kirche und unſeres Glaubens, ſie und ſie ſelbſt iſt zu leſen in den untern Klaſſen und in den obern Klaſſen, und ſo zu leſen, daß die Schüler das Wort Gottes eben als gött⸗ liches Wort in der Tiefe ihres Gemüthes empfinden. Verhehlen wir es uns nicht, es fehlt noch viel daran, daß das heilige Bibelbuch in den Häuſern das tägliche Brod der Seelen ſei, ſchreckenerregend iſt es, wie wenige unſerer Schüler auch nur nothdürftig in demſelben zu Hauſe ſind, und doch kommt Alles darauf an, ihnen die heilige Schrift ſo lieb zu machen, daß ſie ihnen ein Handbuch für ihr Leben werde. Und welche unmittelbar hinreißende, gewaltig eindringende Kraft hat das einfache Gotteswort in derſelben. Wer von Zweifeln und bangen Seelenqualen gefoltert ſich empfänglichen Gemüthes den beruhigenden und heiligenden Einwirkungen des göttlichen Wortes hingegeben hat, der hat es empfunden, wie das Evangelium eine Kraft Gottes iſt ſelig zu machen Alle, die daran glauben.


