Jahrgang 
1860
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daß grade ſeine lieben Altvordern, wie ſie ihre Fluren im Herzen Europa's bewohnten, ſo auch in dem ganzen Körper dieſes Welttheils das belebende Herz waren, ſeine Geſchicke beſtimmten im Ringen auf dem Gebiete des Geiſtes wie im wilden Kampfe mit der eiſernen Fauſt. Geſtalten wie die eines Hermann, eines Friedrich Rothbart, eines Winkelried, eines Luther, und die wir noch ſpecieller die unſern nennen des großen Friedrich und jener Helden der Freiheitskämpfe und ſo vieler Anderer, ſie mahnen ihn, daß er das heilige Erbe deutſchen Namens, daß er Kraft und Frömmigkeit, Treue und Aufopferungsfreudigkeit auch an ſeinem Theile voll bewahre und kommenden Geſchlechtern ungeſchmälert überliefere.

Wie er ſo durch Betrachtung des öffentlichen Lebens an der Größe und Tiefe ſeines Volkes ſelbſt zu edler Geſinnung und Charakter erſtarkt, ſo auch an den Leiſtungen deſſelben auf litterariſchem Felde, mit denen ihn der deutſche Unterricht bekannt macht. Steht nicht jene ſanges⸗ und liederreiche Zeit der glorreichen Hohenſtaufen da in erhabener Majeſtät und lieblicher Einfalt gleich dem brauſenden alten deutſchen Ur⸗ walde mit ſeinen himmelanſtrebenden markigkernigen Eichen, unter denen im grünen Graſe lieblichzarte Blumen duften, Alles durch eigene tiefinnerſte Triebkraft dem germaniſchen Boden entſproſſen. Heilige Schauer erfaſſen den Jüngling bei dem mächtigen Brauſen dieſer Wipfel, denn es find ja die Großthaten ſeiner eigenen lieben Väter, die ſie ihm künden, es ſind ja ſeines eigenen Volkes Leiden und Freuden, die ihm geheimnißvoll entgegenrauſchen. Hier tönen jene Lieder von den Thaten einer fernen gewaltigen Zeit, die das Herz des Volkes treu bewahrte in der Sage, mit ſeiner reichen Phantaſie ausſchmückte und dichteriſch geſtaltete und welche durch Jahrhunderte im Sange von Mund zu Munde fortgepflanzt zu wahrhaftem Volkseigenthum wurden, jenes Lied von dem in unüberwindlicher Kraft und ſtrahlender Schöne glänzenden Siegfried, der da fiel durch Hagens Tücke, und von der Blutſühne der grauſig-lieblichen Kriemhild, das Lied, in dem der grauſige Seelenkampf des ehrwürdigen Rüdiger von Bechlarn uns ſo ergreifend vor die Seele ge⸗ führt wird, jener Seelenkampf, in dem wir ein ſtarkes, treues, deutſches Herz zittern ſehen in der bangen Noth des Zweifels, da es brechen ſoll die Treue entweder dem Fürſten oder den Freunden. Lieblicher und milder, aber auch urkräftig tönt das Lied von der königlichen Gudrun, die lieber Mägdedienſte thut 13 Jahre lang als ſich eine Königskrone erwirbt durch Treubruch an dem Geliebten. Und welche Tiefe in jenem Par⸗ zival des Wolfram, der da predigt: Menſch, nur durch ſchweren Kampf gegen dich ſelbſt gelangſt du zu Gott! Ich muß vorbeigehen an den lieblichen Blüthen des Minneliedes, auch an der 2ten großen Blüthe⸗ zeit unſerer Litteratur im vorigen Jahrhundert. Zu dem Verſtändniß und der Liebe zu all' dieſen köſtlichen Erzeugniſſen unſeres Volkes haben wir unſere Jugend zu führen, damit ſie ihr Volk verehren lerne und ſich ſelbſt erhebe zu den großartig-idealen Anſchauungen deſſelben. Je gewaltiger und mächtiger durch eigene Kraft aber dieſe Erzeugniſſe ſind, um ſo mehr haben wir uns zu hüten, daß wir nicht durch eine kleinliche, minutiöſe, haarſpaltende Behandlungsweiſe den Eindruck ſchwächen oder wohl gar durch eine überweiſe Kritik die Ehrfurcht und Pietät vor dieſem Großen beeinträchtigen. Ein heiliger Tempel ſoll dem Jünglinge ſeine vaterländiſche Litteratur ſein, das Gymnaſium hat ihm nur die Augen zu öffnen und den Blick zu ſchärfen für Erkennung ſeiner Pracht und Hoheit.

Auch der Zweck des mathematiſchen Unterrichts auf dem Gymnaſium liegt in der durch ſeine eigenthümliche Methode geförderten Geiſtesbildung. Demgemäß iſt nicht nach ſyſtematiſcher Vollſtändigkeit des Materials zu ſtreben, ſondern nach einer tüchtigen Einſchulung der Methode und Anwendung der gefundenen Wahrheiten zur Löſung von Aufgaben, ſo daß das Wiſſen zum Können werde. Durch die Klarheit, Bündig⸗ keit und Schärfe des mathematiſchen Beweiſes wird die Verſtandesbildung des Schülers aufs Höchſte gefördert, und die ſtrenge Aufmerkſamkeit und ernſte Sammlung des Geiſtes, welche dieſe Disciplin auferlegt, iſt ein treffliches Mittel gegen alle Zerſplitterung und Zerfahrenbeit des Denkens. In Klarheit der Anſchauungen, Gründlichkeit und Bündigkeit des Schließens und der Geſchicklichkeit ſyſtematiſch zu ordnen giebt ſich das eigenthümliche Gepräge mathematiſcher Durchbildung kund.