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Schlund der Erde oder in die Speere der Feinde grade hinein, treibt die eignen Söhne, Verräther des Va⸗ terlandes, dem Henkerbeile zu übergeben. Wohl haben dieſe Thaten des Heroismus etwas Hartes und Starres und contraſtiren gegen die mildere, weichere chriſtliche Tugend, aber eben dieſes Heroiſche erfaßt das Knaben⸗ Gemüth mächtig, ſo daß ernſte Schauer ſein Gebein durchrieſeln, und er empfindet„das war etwas Großes“, und ſein Herz begeiſtert wird eben für Großes. Doch ich kann hier nicht weiter eingehen auf die Einzelheiten in dem großartigen Bau der griechiſch⸗römiſchen Welt, wer in ihn eintritt, der muß, wenn er anders offenen Auges und Herzens iſt, ſich an den lebensfriſchen, kräftigen und energiſchen Gebilden derſelben erwärmt und emporgehoben fühlen zu höherer, idealerer und umfaſſenderer Anſchauung und Auffaſſung des Lebens.
Endlich erinnere ich nur noch im Vorbeigehen daran, daß, wenn an den Gebildeten mit Recht die Forderung gerichtet wird, daß er verſtehe die Verhältniſſe, in denen er in Staat, Kirche und Wiſſenſchaft lebt, auch damit nothwendig ein Studium der griechiſch⸗römiſchen Welt gefordert iſt, denn es kann Niemand die Ge⸗ genwart verſtehen, der nicht erkennt wie dieſelbe das geworden iſt, was ſie iſt. Wie die Entwickelung des Menſchengeſchlechts nicht in unzuſammenhangenden Sprüngen ſtattfindet, ſo ruht auch unſere ganze chriſtlich⸗ germaniſche Welt ſowohl im Allgemeinen als auch die verſchiedenen wiſſenſchaftlichen Berufsarten im Beſondern auf der Grundlage griechiſch⸗römiſchen Lebens. Die Urkunden jener Völker ſind zugleich die Urkunden über die Quellen unſeres Wiſſens und unſeres Glaubens. So befriedigen wir drittens alſo ein hiſtoriſches Intereſſe, welches kein Tiefergebildeter von ſich abweiſen kann, wenn wir unſere Pflegebefohlenen in die griechiſch⸗rö⸗ miſchen Weltanſchauungen einführen, wenn wir ihnen wenigſtens die Bahnen zeigen, die ſie zu gehen haben, um dieſem Intereſſe zu genügen, denn ausſchöpfen können wir auf dem Gymnaſium das Alterthum nicht nach dieſer wie nach den übrigen bezeichneten Richtungen, vielfach müſſen wir uns begnügen nur Anregungen und Fingerzeige zu geben. Nehmen unſere Zöglinge nicht die Luſt dieſen Anregungen weiter zu folgen noch über das Gymnaſium hinaus mit in ihr ſpäteres Leben hinüber, ſo haben dieſelben ihren Zweck auf demſelben keineswegs vollſtändig erreicht.
Wenn das klaſſiſche Alterthum, deutſche Volksthümlichkeit und das Chriſtenthum als die Grundele— mente unſerer gegenwärtigen Bildung anzuerkennen ſind, ſo müſſen ſie auch die Baſis der ganzen Gymnaſial⸗ bildung ausmachen, und darum hat ferner die Geſchichte ihren hergebrachten feſten Platz unter unſeren Lehrgegenſtänden, ſie, die die Entwicklung der Völker in ihren großen Zügen darlegt und durch Kenntniß anderer Volksthümlichkeiten auch die zum Begreifen der eigenen nothwendigen Vergleichungspunkte an die Hand giebt. Hier iſt die Erwerbung einer beſtimmt begrenzten, wohlgeordneten, feſibegründeten und allzeit zu Gebote ſtehenden Kenntniß der wichtigſten hiſtoriſchen Thatſachen, ſo wie Erweckung der Fähigkeit und der Luſt zu einem ein⸗ dringenden Studium der Geſchichte noth, andrerſeits müſſen der eigenthümlichen Tendenz des Gymnaſiums gemäß alle die verſchiedenen Kräfte der menſchlichen Seele: Gedächtniß, Verſtand, Phantaſie und Gemüth durch dieſen Unterricht erfaßt und entwickelt werden. Grade die Geſchichte iſt hierzu in eminentem Grade geeignet, und eben deshalb iſt der Schüler für dieſelbe ſo ſehr empfänglich und ihren Einflüſſen auf ſeine geiſtige Bildung ſo zugänglich. Die Reihe großartiger Lebensbilder, welche ihm vorgeführt wird, vermag ihn wunderbar zu erwärmen, für das Edle und Gute zu begeiſtern, während die Ahnung des göttlichen Wirkens in den Geſchicken der Völker, die Erkenntniß wie durch den bunten Wechſel der Weltbegebenheiten ſich der einheitliche göttliche Weltplan hindurchzieht, weſentlich dazu beiträgt ein tiefreligiöſes, chriſtliches Leben in ihm zu befördern.
Die Geſchichte der alten Völker führt ihm die einfachſten Grundverhältniſſe der Staaten und Fak⸗ toren des Staatslebens vor, ſo daß er durch ſie am beſten befähigt wird zur Auffaſſung hiſtoriſcher Dinge überhaupt. Im Mittelalter ſteht die Geſchichte des deutſchen Volkes im Mittelpunkt, hier wird der Knabe eingeführt in die Beſonderheit ſeines Volkes und zur Liebe für daſſelbe erwärmt, für die Hoheit deutſcher Sitte, deutſcher Mannhaftigkeit, Innigkeit, Treue begeiſtert, und höher hebt ſich ſeine Bruſt bei dem Bewußtſein,
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