Jahrgang 
1860
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die Infinitive und Partizipialverbindungen uns oft zwiſchen den Zeilen zu leſen zwingen. Die Bedeutung der einzelnen Wörter, den verſchiedenen Bau der Perioden und d. gl. in den verſchiedenen Sprachen mit einander ſcharf zu vergleichen und die entſprechende deutſche Ausdrucksweiſe aufzuſuchen oder nachzuweiſen, daß es keine ſolche giebt, iſt dazu noch, da eben die Sprachen das Charakteriſtiſche in der geiſtigen Auffaſſung der ver⸗ ſchiedenen Völker offenbaren, das trefflichſte Mittel die eigenthümlichen Verſchiedenheiten des individuellen Volks⸗ geiſtes zu erkennen, ſo wie auch andrerſeits inne zu werden, daß bei aller Mannichfaltigkeit der Sprachformen ſich doch zugleich in allen Sprachen die Einheit des menſchlichen Geiſteslebens kund giebt.

Nicht minder bildend aber ſind dieſe Litteraturen von Seiten ihres Inhaltes her. Wie reich ſind ſie an erhabenen Geſinnungen und tiefen Ideen, an Beiſpielen großer Männer und edler Thaten. Jene Völker, ſie empfanden das allgemein Menſchliche, was ſich immer gleichbleiben wird durch alle Jahrhunderte hindurch, die ewigen Richtungen menſchlicher Beſtrebungen, menſchlichen Fehlens und menſchlicher Größe, die natürlichen Regungen des menſchlichen Herzens in Luſt und Leid, ſie empfanden das Walten der guten Mächte und der böſen Mächte über dem menſchlichen Leben und in dem menſchlichen Herzen mit der urſprünglichen Reinheit und ungetrübten Klarheit ihres Weſens ſo wahr, und gaben dieſem Empfundenen durch ihr plaſtiſches Ver⸗ mögen ſo leibhaftige Geſtaltungen in der Poeſie, daß alle Zeiten eben dort die ewigen typiſchen Geſetze, nach denen das Leben des natürlichen Menſchen ſich bewegt, ausgeſprochen erkennen werden.

Man betrachte nur den einen Homer, der in ſeiner einfachen Natürlichkeit und ſchlichten Wahrbeit einzig großartig daſteht. Welch' gewaltiges Ringen der Menſchen, welche Begeiſterung für Vaterland und Ruhm und Ehre, welche Freundestreue, welche Ausdauer und Feſtigkeit bei den tiefſten Seelenleiden! Wie friſch und fröhlich und dabei würdig das Mahl, das da beginnt mit dem Weiheguß den Göttern dargebracht, und das gewürzt wird durch die Erzählungen von den Großthaten der Väter, geſungen von gottbegeiſterten Sängern; wie edel die Gaſtfreundſchaft, die zuvörderſt erquickt und ſtärkt und dann erſt nach Abſtammung und Vorhaben fragt; wie lebhaft überall auch in dieſer Welt, die noch nicht erleuchtet iſt durch das Licht göttlicher Offenbarung, das Gefühl von der Gebrechlichkeit der Irdiſchen den Unſterblichen gegenüber, wie rührend die Klage über das jammervolle ephemere Daſein der Erdbewohner,

Die hinfällig wie Laub in den Waldungen, jetzt um einander Muthig an Kraft aufſtreben, die Frucht der Gefilde genießend, Jetzo wieder entſeelt dahinfliehen.....

Trete man in die Verſammlungen, wo die Jugend ehrfurchtsvoll beſcheiden der Weisheit der Männer horcht, trete man in die Wohnungen, wo Einfachheit und Sitteneinfalt herrſcht, wo die Hausfrau in züchtiger Stille mit ihren Mägden waltet und auch die königliche Frau es nicht verſchmäht, am Webſtuhl emſig die Hände zu regen, und man wird begreifen, wie in ein ſolches Sittengemälde voll erhabenſter Einfalt und ſchlichter Größe die Jugend ſich ſo gerne verſenken mag, wie ihr der Sinn für Naturwahrheit und edle Sim⸗ plicität daran erſtarkt und wie das Alterthum den Homer für den beſten Lehrer der Weisheit und Tugend halten konnte.

Und weiſe ich nur noch auf Einen hin, auf Sophocles, die Spitze des griechiſchen Geiſtes, aus deſſen Dramen mit ihren erſchütternden Verwicklungen uns überall entgegentönt, wie ſelbſt ſchon der Heide die ewige Wahrheit erkannte, daß den Erdgeborenen nur ein gar beſchränktes Maß von Kraft eigne, daß ihre höchſte Weisheit die ſei, ſorgſam auf der Götter Wink und Willen zu achten, nicht zu trotzen auf eigene Kraft und eigene Einſicht, daß aber 6,50 9 unrettbar in's Verderben ſtürze. Wie wahr ſchildert er uns die menſch⸗ liche Seele, die dieſe Demuth zu üben ſo oft nicht vermag, um ſo weniger es vermag, je heroiſcher ſie iſt, und wie ergreifend malt er dann ihren Sturz in die jähe Tiefe!

Und dann die Römer mit ihrer ſich ſelbſt vergeſſenden aufopfernden Vaterlandsliebe, die da treibt ruhigen Blicks die Hand in das glimmende Feuer des Kohlenbeckens zu ſtrecken, treibt in den geöffneten