Jahrgang 
1860
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ſchauungen und Grundſätzen, mit denen ſie unſere Litteratur regenerirten, ſo daß das Alterthum durch dieſe umgeſtaltenden Einflüſſe ein weſentliches Element unſerer Bildung geworden iſt und die Wurzeln unſerer ganzen Kunſt und Wiſſenſchaft in daſſelbe zurückreichen. Das claſſiſche Alterthum und vorzugsweiſe die Griechen zeigen uns ein höchſt glückliches Gleichgewicht der verſchiedenen Kräfte des menſchlichen Geiſtes, in ihren Kunſt⸗ werken bewährt ſich daſſelbe in der Einheit von Inhalt und Form. In ihnen ſind die Gedanken, Anſchauungen und Gefühle klar, groß und ganz in die äußere Welt der Erſcheinung getreten, nirgends in das Innere zu⸗ rückgedrängte formloſe Begriffe oder unbeſtimmte Gefühle, nie wird die Form durch Ueberfülle des Inhalts ge⸗ trübt oder andrerſeits ſo ausgedehnt, daß ſie der Inhalt nicht erfüllte. Dieſe bildende und formende Kraft namentlich des griechiſchen Geiſtes iſt es, welche den alten Kunſtwerken jenes Ebenmaß der verſchiedenen Theile, jene abgerundete, durchſichtige, die Idee ſcharf hervorſpringen laſſende Geſtaltung gab, kurz welche ſie zu Muſtern der Schönheit und des Ebenmaßes ſchuf. Vermöge dieſer Eigenſchaften haben ſie den deutſchen Geiſt, der erſtarrt war in todtem Buchſtabendienſt aus der Knechtſchaft von franzöſiſchem Formelkram und Formenweſen wieder befreit und zu wahrhaft künſtleriſcher Anſchauung und Darſtellung erweckt. Und das, woran unſere Nation ſich zuerſt wieder zu reinem Geſchmack, zur Klarheit und Wahrheit der Anſchauung und des Ausdrucks und zur Schönheit der Darſtellung hinaufgearbeitet hat, es wird doch auch im höchſten Maße geeignet ſein unſerer Jugend fort und fort eben dieſen Dienſt zu erweiſen, einen Dienſt, den in eminentem Grade leiſten zu können es ja eben durch die Erfahrung bewährt hat.

Und nun die Sprachen jener Völker, welche bildende Kraft hat das Studium derſelben! Die Sprache iſt die geiſtigſte Schöpfung eines Volkes, denn ſie iſt ja nichts anderes als die verkörperten Gedanken ſelbſt, die Erſcheinungsform des Geiſtes, durch welche der Gedanke in ſeiner gleichſam körperlichen Entwickelung und Gliederung vor unſer geiſtiges Auge geſtellt wird. Deshalb iſt jedes Sprachſtudium, wenn es anders nicht bloß auf ein Anlernen durch Routine hinausgeht, ſo bildend, weil es nöthigt dem Geiſte auf ſeinen ge⸗ heimſten und feinſten Wegen nachzugehen. Das Studium derjenigen Sprache aber iſt das bildendſte, welche

entweder die feinſten, ſinnigſten Nüancirungen des Gedankens auch äußerlich klar manifeſtirt, oder die allge⸗ meinen logiſchen Geſetze des Denkens am conſequenteſten und ſtrengſten befolgt hat. Die Feinſinnigkeit und die außerordentliche geiſtige Beweglichkeit des griechiſchen Volkes und die Fähigkeit ſeiner Sprache durch einen ungemeinen Reichthum an Formen dieſe Feinſinnigkeit auch äußerlich auszudrücken, ertheilt in erſterer Beziehung der griechiſchen Sprache den Preis zu. Das römiſche Volk dagegen, es iſt ja das Volk der Staatsweis⸗ heit und der Rechtsgelehrſamkeit, des ſcharfen, ſtrengen Denkens und des klaren Verſtandes, und dieſen Cha⸗ rakter bewährt auch ſeine Sprache, welche die verſchiedenen Gedankenbeziehungen und Momente der Hand⸗ lungen und Zuſtände am ſchärfſten und unzweideutigſten bezeichnet, die Gedanken, Anſchauungen und die Beziehungen der Objecte einfach, denkgerecht und mit Feſthaltung des Concreten behandelt, und die Darſtellung in enge Feſſeln zwingt durch die ſtrenge Forderung der Klarheit und Beſtimmtheit, der ſynonymi⸗ ſchen Schärfe, der periodologiſchen Gliederung, des Sprachgebrauches u. A. Solche dynamiſche Ent⸗ wicklung des Geiſtes und Denkens durch die Gewährung einer klaren Anſchauung des Gedankens und Orien⸗ tirung in ſeinem inneren Walten, ſolche ſtets ſich erneuernde Uebung und Gewöhnung, jeden Begriff durch die grammatiſche Form in ſeinem richtigen Verhältniß zu einem andern oder zum ganzen Gedanken aufzufaſſen, dieſe Aneigung eines concreten, von vager Abſtraction entfernten Ausdruckes hat die lateiniſche Sprache Jahrhunderte hindurch zum Hauptbildungsmittel der Jugend gemacht und macht ſie noch heute mit Recht zum Mittelpunkte des Gymnaſial⸗Unterrichtes und zur Grundlage der erſtrebten humanen Geiſtesbildung, denn ſie übt die verſchiedenſten und höchſten Thätigkeiten des Geiſtes durch alle Kategorien der Sonderung, Verknüpfung und Unterordnung hindurch. Durch die griechiſche Sprache iſt eine ſolche Verſtandesdurchbildung nicht in gleichem Maße zu erreichen, es fehlt ihr bei aller Fülle, Rundung und Schönheit an der ſcharfen Unterſchei⸗ dung der Begriffe im Ausdruck, es fehlt der Periode die ſtrenge Regel der Gedankenverbindung, indem z. B.