8
und dieſe Schärfe iſt überall im Leben noth, wo von Geiſtigem und Bildung die Rede iſt; ſie ſind vergleich⸗ bar einem Feuerofen, darin die Phantaſie von Schlacken und unlautern Auswüchſen geläutert und gereinigt wird; ſie ſind gleich dem belebenden Strahle der Sonne, darin das Herz erwärmt wird zur Liebe zu allem Wahren, Schönen und Guten. Wie dieſe Eigenſchaften den wahrhaft edelgebildeten Menſchen machen, ſo ſind ſie auch dem, der die Wiſſenſchaften ſtudiren und üben will, unerläßlich, und giebt es keine ausreichende und keine würdige Vorbereitung für dieſen als eben die bezeichnete.
Zerlegen wir demnach die Aufgabe des Gymnaſiums, ſo läßt ſich dieſelbe genauer dahin präeiſiren, daß es einestheils ſeinen Schülern gewiſſe wiſſenſchaftliche Kenntniſſe mittheile und die Gewandtheit und Kraft des Denkens und Urtheilens fördere, anderntheils den jungen Geiſtern eine ideale Richtung verleihe, wiſſenſchaftlichen Sinn, Liebe und Hochſchätzung alles Geiſtigen und Ueberſinnlichen, eine Richtung und einen Sinn, welche ihren Gipfel, ihre Vollendung finden im chriſtlichen Glauben und chriſtlichen Leben. Ich habe hiemit die beiden Seiten der Einen Aufgabe bezeichnet, welche das Gymnaſium ſich ſtellt, die intellectuelle und ſittliche Seite. Wie aber Denken und Empfinden, Wiſſen und Wollen ſich gegenſeitig bedingen, ſo ſind auch jene beiden Seiten zu einer höheren Einheit zuſammenzufaſſen, und heißen in dieſer Einheit„Bildung im höchſten und edelſten Sinne des Worts“, welche Bildung ihren Sitz zugleich in Kopf und Herz, in der ganzen ungetheilten Menſchenſeele hat..
Dieſer Veredelung des ganzen Menſchen dient jede Thätigkeit, welche das Gymnaſium ſeinen Zöglin⸗ gen auferlegt. Schon die Arbeit als ſolche, abgeſehen von allem Inhalte, hat einen erziehenden Einfluß. Jedes Ringen mit Widerſtand, jede vernünftige Anſpannung der Kräfte erhöht und hebt dieſelben einerſeits, und hat andrerſeits eine erziehende, ſittliche Kraft, inſofern ſie Ueberwindung der angeborenen Trägheit vorausſetzt, Hingabe des Ich mit ſeinen Anſprüchen auf Zerſtreuungen, Vergnügungen und Beguemlichkeiten fordert, alſo den Willen in ſeinem weiteſten Umfange in Anſpruch nimmt.
Aus einer genaueren Betrachtung des Inhalts der einzelnen Lehrfächer werden ſich die ſpeciellen Ein⸗ wirkungen des Gymnaſial⸗Unterrichts ihrer Beſonderheit nach ergeben.
Im Mittelpunkte des Gymnaſial-Unterrichts ſtehen die beiden altklaſſiſchen Sprachen, ſie ſind das Unterſcheidende und Charaktergebende des Gymnaſiums. Die hohe Vortrefflichkeit der griechiſchen und römi⸗ ſchen Litteratur und der tiefe Einfluß, welchen dieſelben in den Jahrhunderten ſeit der Wiedererweckung der Wiſſenſchaften auf das Geiſtesleben der Völker geübt haben, bedarf kaum der Erwähnung. Zu einer Zeit, wo das Bewußtſein des eignen nationalen Lebens und der eignen nationalen Kräfte in Deutſchland bereits ſtark im Erlöſchen war, wurde römiſch-griechiſche Litteratur und Volksleben mit Eifer und Energie ſtudirt und ging alle Geiſtesbildung von dieſen Studien aus. In dieſer Schule waren die großen Geiſter erſtarkt, welche ſieg⸗ reich die Reinigung der Kirche von Menſchenſatzungen erkämpften, der Geiſt eines Luther, ſeines großen Mitſtreiters Ph. Melanchthon u. A. Wie thätig die großen Reformatoren für Beförderung dieſer Studien waren, iſt bekannt, Schulen, in denen ſie den Mittelpunkt bildeten, wurden zahlreich errichtet, aber in weiteren Kreiſen kannte man noch nicht die hohe Vortrefflichkeit und Muſtergültigkeit dieſer Litteraturen, im Gegentheil die deutſche Poeſie ahmté die moderne ausländiſche Dichtkunſt nach und verwilderte ſo zu völliger Regelloſigkeit und Unwahrheit. Als man endlich im 18ten Jahrhundert aus den Alten und namentlich den Griechen das Weſen wahrer Schönheit und Harmonie erkannte, als man aus ihnen lernte, daß nicht Reimge⸗ klingel und der hallende Verston, ſondern daß große ſinnige Gedanken, daß Kraft, Feuer, Ebenmaß, Wahr⸗ heit der Phantaſie das die Dichtung eigentlich Erzeugende ſei, da ging, von Klopſtock begonnen, aus der innerlichen Durchdringung und Aneigung der antiken Litteraturen die hohe Blüthe unſerer Litteratur im vorigen Jahrhundert hervor, indem ſich der deutſche Geiſt zu eigen machte, was von griechiſchem Geiſte ihn befruchtend in ihn übergehen konnte. Und alle die auf Klopſtock folgenden Heroen in Kunſt und Viſſenſchaft, ſie alle waren durch die Strahlen, die von Hellas und Latium ausgehen, erwärmt und erleuchtet zu den neuen An⸗


