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wodurch derſelbe in ihm feſte klare Geſtalt und zeugendes Leben gewinne. Die Arbeit, welche nicht auf Ge⸗ dächtnißkram und Erwerbung todten Ballaſtes ausgeht, ſondern auf innerliche Erfaſſung und Durchdringung einer Wahrheit, ſo daß ſie ein Ferment werde, welches, den Geiſt durchgährend, neues Leben zeuge, die Arbeit nur ſchärft den Blick, erhellt und klärt den Geiſt wahrhaft auf und ſpricht auch je nach Beſchaffenheit des Gegenſtandes zum Herzen. Allerdings iſt die formale Bildung nie als losgelöſt zu denken von einem beſtimmten ſtofflichen Inhalte, aber das Gymnaſium kann ſeiner eigenthümlichen oben bezeichneten Tendenz nach nie dieſem Stoffe bloß um ſeiner ſelbſt willen ſchon eine Berechtigung einräumen, ſondern es hat überall und vor allen Dingen zu fragen, was durch und an demſelben Bleibendes und Befruchtendes gewonnen werde. Wenn dem⸗ gemäß die Gymnaſien bei allen ihren wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen ſo verfahren, daß eine friſche und fröhliche Kraftentwicklung erzielt werde, ſo ſind ſie erſt, was ſie ſein ſollen, Ringſchulen des Geiſtes. Damit gewähren ſie dann die ſicherſte Grundlage nicht nur für ein erfolgreiches Studium der Wiſeenſchaften, ſondern ſelbſt auch für eine fruchtbringende praktiſche Thätigkeit; Luſt an der Ueberwindung von Schwierigkeiten gibt friſche Männer für den Kampf des Lebens.
Alle Kenntniſſe aber und alle geiſtige Kraft bekommen erſt ihren Werth durch die Art und Weiſe, wie ſie angewendet werden. Wie ſie im Beſitze des Guten eine Quelle reichen Segens für die Menſchheit werden, ſo ſind ſie in der Hand des Böſen die gefährlichſte, verderblichſte Waffe. Wenn daher das Gymna⸗ ſium ſeinen Zöglingen dieſe mächtige Waffe in die Hand gibt, ſo iſt es zugleich ſeine heilige Pflicht, den Willen und die Geſinnung derſelben ſo zu lenken und zu bilden, daß ſie dieſe Waffe zum Heile der Menſchheit an⸗ wenden. Erſt wenn es der Erziehung ſeiner Jünger zu freier Sittlichkeit und zu ſittlicher Freiheit einen hei⸗ ligen Ernſt und Eifer zuwendet, wenn es den ganzen Menſchen in ſeinem tiefinnerſten Lebenskerne erfaßt und veredelt, erfüllt es ſeine Aufgabe, welche es als allgemeine Bildungsanſtalt zu löſen hat.
Wenngleich das ernſte, hingebende wiſſenſchaftliche Studium an und für ſich auch ſchon ein wirk⸗ ſames Beförderungsmittel einer geſinnungsvollen Charakterbildung iſt, und die Auffaſſung des Inhalts der Lehr⸗ objecte des Gymnaſiums eine ſittlich bildende Kraft hat, ſo fehlt doch viel daran, daß hiermit jener Forderung einer erziehenden ſittlichen Einwirkung des Gymnaſiums Genüge geſchehen wäre, wie das eine frühere Zeit, welche dem nackten, rein menſchlichen Humanismus huldigte, wähnte. Sondern, wie es nur Einen Namen gibt, darin wir können ſelig werden, ſo giebt es auch nur Einen wahren Grund unſerer Sittlichkeit, welcher iſt der Glaube an die welterlöſende Liebe Jeſu Chriſti. So gewiß es iſt, daß wir nicht durch das ſtarre, äußerlich zwingende„Du ſollſt“, nicht durch den todten Geſetzesbuchſtaben, ſondern daß wir nur durch die ſuchende, ſtützende und mahnende ſanftmüthige Liebe in das Herz des Sünders hinein die Grundlage einer dauernden, wahrhaft innerlichen Beſſerung und Umgeſtaltung des Lebens zu legen vermögen, ſo gewiß eben erſt durch Chriſtum an die Stelle des Geſetzes das Evangelium der Liebe in die Welt gekommen iſt, ſo gewiß kann alle unſere Erziehung nur dann wahrhaften Segen bringen, wenn der Glaube an den Welterlöſer ihr Fundament, chriſtliche Liebe ihre Seele iſt.„Wenn ich mit Menſchen⸗ und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, ſo wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“ Wenn man noch in neueſter Zeit die charakteriſtiſche Aufgabe des Gymnaſiums dahin angegeben hat, daß es die wiſſenſchaftliche Bildung der Jugend zu vermitteln habe, ſo iſt damit eben die hier geforderte chriſtliche Zucht und Sitte und die Gewöh⸗ nung an demüthigen Gehorſam gegen Gott und Menſchen ungebührlich in den Hintergrund gedrängt. Und doch erhalten alle oben bezeichneten geiſtigen Anregungen und Richtungen erſt ihre wahre Lebenskraft und höhere Weihe, wenn ſie durchdrungen und geheiligt ſind von dem Geiſte deſſen, der die Quelle alles Lichtes und alles Lebens iſt, ohne ihn tragen ſie den Keim zur Fäulniß ſchon von Anbeginn an in ſich.
Weit entfernt alſo Vorbereitungsſchulen für die Univerſität zu ſein, geben die Gymnaſien eine Bil⸗ dung, welche, auch wenn die academiſchen Studien nicht darauf folgen, ihren ganz beſtimmten hohen Werth für's Leben bewährt. Sie ſind gleich einem Schleifſteine, darauf das Meſſer des Verſtandes ſcharf geſchliffen wird,
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