Jahrgang 
1860
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im Stande wären, ſich möglichſt leicht und ſchnell das Wiſſen, die Fertigkeiten und Geſchicklichkeiten anzu⸗ eignen, welche ſpäter für die praktiſche Wirkſamkeit des Arztes, Juriſten, Theologen nöthig ſein würden?

In unſerer Zeit, die dem ſo genannten Nützlichen ſo entſchieden huldigt, fehlt es auch an ſolchen nicht, welche bei der Vorbereitung der Jünglinge auf die wiſſenſchaftlichen Studien von dem Geſichtspunkte der ſpä⸗ teren ſofortigen Anwendbarkeit ausgehen und die Gymnaſien als Fachſchulen für den höhern Beamtenſtand angeſehen wiſſen wollen. Wohin wir aber mit einer Berufsbildung, die ſich nicht auf freie menſchliche Bildung des Geiſtes und der Seele gründet, wohin wir mit einer ſolchen handwerksmäßigen Vorbereitung gelangen würden, bedarf hier keiner weiteren Erörterung, die unausbleibliche Folge würde ſein, daß in die tiefſteingreifenden Stellungen in Staat und Kirche, in die Stellungen, welche in Bezug auf geiſtiges Leben und geiſtige Entwickelung maßgebend auf die ganze Nation einwirken können und müſſen, Maſchinen ſtatt ſich geiſtig frei bewegender, ihren Gegenſtand beherrſchender und ihres Thuns ſich frei bewußter Männer treten würden. Damit aber das geiſtige Vermögen derer, welche einſt in dieſe Stellungen eintreten ſollen, zu derjenigen Entwickelung gebracht werde, welche die nothwendige Vorausſetzung einer freien und ſelbſtſtändigen Erfaſſung der Wiſſenſchaf⸗ ten bildet, muß die Vorbereitung auf die Studien in geiſtübenden und geiſtkräftigenden Beſchäftigungen beſtehen, womit dann der allgemeine und dauernde Grund für alle wiſſenſchaftliche und überhaupt geiſtige Beſchäftigung gelegt iſt. Dieſem unabweisbaren Bedürfniſſe der ſtudirenden Jugend gemäß müſſen wir den Gymnaſien durchaus den Charakter allgemeiner, grundlegender Bildungsanſtalten vindiciren, die da befähigen für friſche Ergreifung und gründliche Durchdringung aller verſchiedenen geiſtigen Objecte, alſo auch für die Studien der Univerſität. Unter allen höheren Lehranſtalten, welche wir außerdem haben, höhere Bürger⸗, Gewerbe⸗, Realſchule auf der einen, Univerſität auf der andern Seite, hat keine einen ſo allgemeinen Zweck, jede die ſpeciellere Aufgabe auf ein beſtimmtes Gebiet von Berufsarten näher oder entfernter vorzubereiten und das poſitive Wiſſen, welches dieſen dient, mitzutheilen. Die Nation aber bedarf einer Art von Anſtalten, welche den allgemeinen höheren Bil⸗ dungsſtand derſelben erhalte, fortpflanze und in immer neue Kreiſe weiter verbreite, deren Aufgabe nicht ſowohl iſt, Fachkenntniſſe mitzutheilen, als vielmehr jedem, der ein Verlangen danach trägt, die Spannkraft des Geiſtes zu üben und zu erhöhen und edle Geiſtesrichtung zu pflegen. Zwar ſollen auch die in unſerer Zeit ſich ausbildenden Realſchulen allgemein geiſtige Ausbildung als ihr Ziel verfolgen, und Gymnaſien und Realſchulen ſollen ſich in die gemeinſame Aufgabe theilen,die Grundlagen der geſammten höheren Bildung für die Hauptrichtungen der verſchiedenen Berufsarten zu gewähren; die weiteſte, geiſtigſte und idealſte Seite fällt aber doch auch hier wieder den Gymnaſien zu, wenn dieſelben das Studium der Sprachen, und vorzugsweiſe der beiden alten claſſiſchen Sprachen und Litteraturen zu ihrem Mittelpunkte haben.

Stellen wir nun ſo die Verleihung von allgemeiner Geiſtesbildung als die charakteriſtiſche Aufgabe des Gymnaſiums hin, ſo liegt darin ſchon ausgeſprochen, daß daſſelbe keineswegs bloß Kenntniſſe mitzutheilen hat, denn Bildung beſteht weſentlich in einer gewiſſen geiſtigen Richtung und Kraft. Solche geiſtige Richtungen und Fähigkeiten, welche die Schule durch und mit den Kenntniſſen ihren Zöglingen mitzutheilen hat, ſind aus⸗ dauernder Fleiß, wiſſenſchaftliche Auffaſſungsfähigkeit, Schärfe der geiſtigen Sinne einerſeits, andrerſeits das ſogenannte Sittliche, die Heiligung des Lebens. Eben dieſe allgemeinen Eigenſchaften des Geiſtes und der Seele ſind eine nothwendige Vorbedingung aller Tüchtigkeit auf jedem geiſtigen Gebiete und bei jedem geiſtigen Werke, und daher geben die Gymnaſien eine ſo zweckmäßige Vorbereitung für Alle, welche ſich über geiſtige Mittelmäßigkeit erheben wollen. Die Kenntniſſe, welche in den Schulen, welche nicht Berufsſchulen ſind, erworben werden, ſind einem großen Theile nach nur dazu beſtimmt, anderen, dem Leben unmittelbar dienenden Kenntniſſen und Fertigkeiten zur Grundlage zu dienen. Es iſt der größte Theil der Schulen, es ſind namentlich die Gymnaſien dazu beſtimmt, das Lernen zu lehren. Danach iſt Umfang und Methode des Unter⸗ richts vielfach zu beſtimmen, ſo daß nicht ſowohl ſyſtematiſche wiſſenſchaftliche Vollſtändigkeit zu erſtreben iſt, als vielmehr das wahrhaft befruchtende Eindringen des Gegenſtandes in den Geiſt des Schülers,