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der evangeliſchen Gymnaſien dieſer Provinz liegt, bin ich zur Leitung des hieſigen Gymnaſiums berufen und nunmehr in dieſes Amt feierlich eingeführt worden. Wohl fühlte ich, als ich mich entſchloß, dieſem ehrenvollen Rufe zu folgen, die ganze Schwere der Verantwortung, welche ich damit zu übernehmen im Begriffe ſtand, auch jetzt fühle ich lebhaft, daß meine ſchwache Kraft allein nicht ausreichen werde, der gewaltigen Aufgabe zu genügen, aber im Vertrauen auf den Beiſtand des allmächtigen Gottes, der ſich in meinem vielbewegten Leben mir ſo oft und ſo handgreiflich bezeugt hat, folgte ich dem Rufe, und in dieſem Vertrauen bin ich auch in dieſem Augenblicke getroſt und voll freudiger Zuverſicht. Er, der Herzenskündiger, den ich ſoeben angerufen habe, Zeuge zu ſein der Treue, mit welcher ich das übernommene Amt führen werde, er iſt auch zugleich meine Stütze, meine Hülfe und meine Kraft. Er, der Allgütige, wird mir und dieſer Anſtalt den heutigen feierlichen Tag ſegnen, auf daß das Werk, welches ich an demſelben beginne, diene, die mir anvertraute Jugend zu ihrem wahrhaften Heile zu führen und das himmliſche Reich Gottes auch an ſeinem Theile zu fördern.
In der That eben dieſes: die Jugend zu ihrem zeitlichen wie ewigen Heile zu führen, das iſt unſere Aufgabe in ihrer höchſten Auffaſſung, eine Aufgabe, welche die Diſciplin der Schule im Verein mit der Zucht des elterlichen Hauſes und der Ermahnung und den Heilsmitteln der Kirche an ihren Zöglingen zu löſen hat. In dieſem ſchönen Vereine, der geſchloſſen iſt zur Erreichung eines ſo erhabenen Zieles, hat natürlich das Elternhaus und die Kirche, wie die Schule, jedes einen beſondern Bereich ſeines Wirkens, jedes ſeine ſpeciellen Pflichten. Frage ich nun hier, welche Seite der bezeichneten Aufgabe denn ſpeciell dem Gymnaſium zufällt und welche Wege es zur Löſung derſelben zu gehen hat, ſo wird die kurze Beantwortung dieſer Frage ſogleich jetzt, wo ich die Leitung des hieſigen Gymnaſiums ſoeben übernommen habe, den Geiſt bezeichnen, in welchem ich dieſes Amt zu führen gedenke.
Gerade das Gymnaſium iſt in der Lage, dem, der ſich über Zweck und Aufgabe deſſelben orientiren will, eine beſtimmte, im Laufe von Jahrhunderten gewordene und im Wechſel der Zeiten und Zeitrichtungen bewährte, feſte Geſtaltung und Einrichtung als Grundlage der Betrachtung gewähren zu können. Es hat das⸗ ſelbe nicht nur einen ganz beſtimmten Kreis von Lehrobjecten, ſondern ſelbſt eine im Ganzen allgemein aner⸗ kannte Geltung und Bedeutung der einzelnen dieſer Objecte nach Umfang und Stundenzahl feſtgeſetzt, und iſt man bisweilen hie und da von dieſem hiſtoriſch Gewordenen abgewichen, ſo mußte man ſtets bald erkennen, daß mit neuen Syſtemen und Theorien hier nichts gethan ſei, und wieder zu dem hiſtoriſch Gewordenen zurückkehren. Von dieſer feſtſtehenden Geſtaltung haben wir einerſeits bei Beſtimmung der Aufgabe des Gymnaſiums, andrerſeits von der Thatſache auszugehen, daß es beſucht wird von ſolchen Knaben und Jünglingen, welche ſich beſtimmt haben, ſpäter in ſolche Lebensſtellungen einzutreten, die vorzugsweiſe geiſtige Thätigkeit erfordern und einen höheren Grad von geiſtiger Kraft und Bildung vorausſetzen.
Das Gymnaſium entläßt ſeine Zöglinge nach beſtandenem Abiturienten⸗Examen zu gar verſchiedenen Beſchäftigungen, zum Studium der eigentlichen Facultätswiſſenſchaften oder zum Studium des Bau⸗, Berg⸗, Forſtfaches und anderen theoretiſchen Berufsarten; Manche treten auch von den mittleren und oberen Claſſen aus in einen mehr praktiſchen Stand, in den des Kaufmanns, Oekonomen u. a. ein. Was dieſe letzteren dem Gymnaſium zuführt, kann nichts anderes ſein als das Bedürfniß nach einer höheren allgemeinen geiſtigen Bil⸗ dung, nach Erweiterung des geiſtigen Geſichtskreiſes— ein Bedürfniß, welches jeder Menſch, welcher äußeren Lebensſtellung er auch angehören mag, unabweisbar empfindet, wenn er ſich über das Alltägliche und Mittel⸗ mäßige erheben will—, denn daß ſie nicht eine unmittelbare Vorbereitung für die von einem jeden ſpäter zu ergreifende praktiſche Thätigkeit erwarten dürfen, iſt ihnen gar wohl bekannt.
Aber hätten wir auch nur ſolche Schüler, welche ſich für die academiſchen Studien beſtimmt haben, würde es dem Bedürfniſſe dieſer entſprechen, bloße Vorbereitungsanſtalten für die Univerſität zu beſuchen, auf denen ſie etwa durch Aneignung eines gewiſſen Wiſſens ſo zugeſtutzt und abgerichtet würden, daß ſie ſpäter


