Jahrgang 
1860
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Und was Melanchthon ſein ganzes Leben hindurch anſtrebte, wofür er das Schwerſte gekämpft und gelitten hat, daß die freudige Aneignung des Evangeliums und die Einigung der Chriſtenheit in dieſer Aneignung nicht gehemmt und vereitelt werde durch eine vermeſſen zugeſpitzte Ueberbeſtimmtheit der chriſtlichen Lehre, das ſollte in ſeinem Sinne überall und auch in dieſer Schule gelten.

Mögen denn Melanchthon'ſche Erinnerungen, Melanchthon'ſche Gedanken auch heute, da ſich dieſe Anſtalt in einem weſentlichen Theile ihrer Glieder erneuert, auch fortan über dieſer Anſtalt walten. In ſo kurzer Zeit hat ſie ſo viele ihrer Arbeiter ſcheiden ſehen, den Director Zinzow, den Profeſſor Schirlitz, dem ich ſo gerne an dieſer Stelle den Orden überreicht hätte, mit dem unſeres Regenten Königliche Hoheit ihn beehrt hat, den Jubelgreis, der 50 Jahre lang ſinnig und rüſtig an der Jugend dieſer Stadt gearbeitet hat, den Dr. Fritſch, deſſen Tod in der Zeit kräftiger biederer Mannesthätigkeit wir zu beklagen haben und in ihre Mitte treten nun heute zwei neue Arbeiter, denen Gott es geben wolle, Melanchthon'ſche Ge⸗ danken hier rüſtig verwirklichen zu helfen. Ich begrüße Sie, Herr Dr. Kirchner, nachdem Sie zum Lehrer dieſer Anſtalt berufen ſind, und lade Sie ein, durch Ihren Handſchlag einen heiligen Eid zu erneuern und Ihren Willen zu bezeugen, auch an dieſer Stelle ein getreuer Diener unſeres Königs und Herrn und ein chriſtlicher Jugendlehrer zu ſein. Möge Gott Ihren ernſten Willen ſegnen, daß die Lebenserfahrung, die Sie auf fernen Meeren und in zwei Lehranſtalten der Hauptſtadt erworben, dieſer Jugend zu Gute komme, daß Sie in allen Stücken und zumal in dem Ihnen anzuvertrauenden Theile des Unterrichts im Chriſtenthum in Melanchthon ſchem Sinne arbeiten, daß dieſe Jugend Ihnen den Gehorſam und die Ehrerbietung entgegenbringe, die ſie Ihnen ſchuldig iſt, daß dieſe Ihre Herren Mitarbeiter in Ihnen einen rüſtigen und treuen Genoſſen und Freund finden und Sie in jenen, daß dieſe Stadt Ihnen eine fröhliche Heimath werde auf lange..

Und Sie, Herr Lorenz, ſind im Namen Seiner Majeſtät des Königs durch die Ernennung Seiner Königlichen Hoheit des Prinz⸗Regenten, deren Urkunde ich Ihnen hier überreiche, zum Vorſteher dieſer Anſtalt berufen. Aus fernem Lande, wo ſie den unglücklichen, aber ehrenvollen Kampf für das Recht Ihrer Heimath und Deutſchlands treulich mit beſtanden, ſind Sie nach Preußen und jetzt hierher herübergekommen. Es 01⁶ dοσιοο ̈μυ⁴ονσασ τεται επἀτ, d. h. es iſt eine heilige Weihe für das Leben eines Menſchen, wenn er geſtritten oder gelitten hat für das Vaterland. Gott ſei auch hier mit Ihnen und laſſe Sie mit vollem Ernſt und ſtrenger Treue und warmem Herzen an Ihr wichtiges und ſchweres Werk gehen.

Ich erinnere auch Sie an den früher von Ihnen geleiſteten Eid und lade auch Sie ein, durch Hand⸗ ſchlag von neuem zu erklären, daß Sie in Ihrem neuen Amte Seiner Majeſtät unſerem Könige und Herrn treulich dienen und dieſem Gymnaſium als ein chriſtlicher Director vorſtehen wollen.

Und nun weiſe ich Sie kraft meines Auftrages in Ihr Amt als Director dieſes evangeliſchen Gymna⸗ ſiums zu Wetzlar ein und ſetze Sie in die Rechte und Pflichten eines ſolchen. Dieſe alte freundliche Stadt und ihre Behörden werden Sie gern fördern in jeder pflichtmäßigen Arbeit; dieſe Männer, Ihre Mitarbeiter, in deren Mitte Sie als Vorgeſetzter treten, werden Ihnen willig und ehrerbietig entgegenkommen; dieſe Jugend mahne und verpflichte ich zu unverbrüchlichem Gehorſam.

Gott ſei mit Ihnen, mit dieſer Anſtalt, mit dieſer Stadt, mit dieſem Lande. Amen.

Es folgte dann die Antritts⸗Rede des Directors Lorenz:

Verehrte Verſammlung!

Durch die väterliche Führung Gottes, durch die Gnade Seiner Königlichen Hoheit, unſeres erhabenen Prinz⸗ Regenten und durch das mich beglückende Vertrauen des verehrten Mannes, in deſſen Händen die Oberleitung