Au 24. April fand die Einführung des Directors Lorenz und des erſten ordentlichen Lehrers Dr. Kirchner in ihre Aemter ſtatt. Nachdem die Feier, zu welcher ſich eine zahlreiche Verſammlung aus der Stadt und Umgegend eingefunden hatte, durch Singung einiger Strophen des Liedes: Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, eingeleitet war, beſtieg der Geheime Regierungs⸗- und Schulrath Dr. Landfermann die Rednertribüne und ſprach folgende Worte:
Unſern Eingang wie unſern Ausgang ſegne Gott. Amen.
Geehrte, werthe Verſammlung! Dem heutigen, für dieſe Anſtalt ſo wichtigen, bedeutungsvollen Tage iſt eine ernſte Erinnerung unmittelbar vorhergegangen, die auch an dieſer Stelle gefeiert ſein würde, wäre die Anſtalt nicht bis heute geſchloſſen geweſen, und die gewiß auch in dieſer Stadt ihren Ausdruck ge⸗ funden hat. Vor wenigen Tagen ſind es dreihundert Jahre geweſen, daß Philipp Melanchthon die müden Augen ſchloß; der große Mitarbeiter am Reformationswerke, den die Zeitgenoſſen und die Nachwelt den prae- ceptor Germaniae, den Lehrer Deutſchlands genannt hat, ſchied am 19. April 1560 aus einem Leben voll treuer, hochgeſegneter Mühe und Arbeit.
Ob die Archive dieſer Stadt Zeugniß davon geben, daß ſein Rath unmittelbar mitgewirkt hat, wie in unzähligen deutſchen Städten, als hier als Frucht der Reformation im Jahre 1555 die Anfänge dieſes Gymnaſiums gegründet wurden, ich weiß es nicht; das aber kann nicht zweifelhaft ſein, daß ſeine Gedanken und ſein Vorbild auch den Gründern dieſer Anſtalt, wie bei allen den Schulen, welche die Reformation ſchuf, vorgeleuchtet haben.
In Melanchthons Sinne ſollte auch hier die Jugend tief trinken aus dem neu aufgeſchloſſenen OQuell der Claſſiker, der alten Sprachen, aber das Salz des Evangeliums ſollte auch hier die neue Bildungs⸗ quelle vor Fäulniß bewahren; eine der großen Aufgaben der Reformation, den Humanismus, die claſſiſche Bildung vor dem entſittlichenden Rückfall in das Heidenthum, vor dem Aberglauben an das Heidenthum, vor der Verwilderung zu bewahren, die ihm drohete, der er in Italien, in Florenz, in Rom, in Paris faſt ver⸗ fallen war, der es auch in Deutſchland nicht an Dienern fehlte: dieſe Aufgabe ſollte mit den anderen Auf⸗ gaben der Reformation auch hier gelöſet werden. Die Bitte, die Melanchthon auf dem Sterbelager zu ſeinen Freunden ſprach, ſie ſollten nicht von der Bibel und— nicht vom Homer laſſen, dieſes Wort, gewiſſer⸗ maßen der Wahlſpruch ſeines Lebens, iſt ohne Frage auch für die Gründer dieſer Anſtalt maßgebend geweſen.
Und weiter, in ſeinem Sinne ſollte auch hier die Jugend in ſtrenger Arbeit, in unverbrüchlichem Ge⸗ horſam zu Männern erwachſen, aber auch Männer zu ihren Führern und Lehrern finden, die ſelber jung geweſen wären, die die Natur des jugendlichen Alters in ſich ſelbſt wiederfänden, die die aus den Gegenſtänden der Erkenntniß ſelbſt ſich ergebende, nicht in dieſelben hineingekünſtelte Methode einfach und verſtändig zu erfaſſen und zu handhaben verſtänden, das heißt hier ſollten, wie Melanchthon im Viſitationsbüchlein für alle Zeiten geſagt hat, die armen Kinder nicht mit einer Mannichfaltigkeit beſchweret werden, die nicht allein unfruchtbar, ſondern auch ſchädlich ſei; auch hier ſollte das Ziel der ſtrengen Arbeit, des ſtraffen Gehorſams ſein, daß die Jugend zur Selbſtthätigkeit, zur Freude an den Studien erwachſe und die Lehrer ihr Werk darin abſchließen, der Jugend Mithelfer ihrer Freude zu ſein,
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