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daß, nachdem das Kind mit dem heiligen Geiſt getauft eingetreten iſt in die Gemeine der Gläubigen, das Pflanzen der Familie, das Begießen und Großziehen der Schule, die Förderung, Kräftigung und Erhaltung der Kirche zukommt.
Wenn nun eine ſolche gemeinſchaftliche und einheitliche Einwirkung auf die Jugend überall das Ziel iſt, ſo finden wir leider in Wirklichkeit dieſe urſprüngliche und nothwendige Liebesgemeinſchaft zwiſchen jenen drei Organen längſt geſtört. Ich habe hier nicht von der Familie und von der Kirche zu reden, aber wie ſteht es mit dem Verhältniß der Schule? Das Band, welches auf der einen Seite Familie und Schule innig und feſt umſchlingen ſollte, hat ſich immer mehr gelöſt und es iſt möglich, ja zum Theil gewöhnlich geworden, daß Liebe und Vertrauen zwiſchen ihnen ſich in Gleichgültigkeit, Argwohn und Mißachtung verkehrt hat. Wie unſer deutſches Volk im Unterſchiede von andern wohl das Schulvolk genannt iſt, ſo iſt es beſonders eine deutſche Unſitte, daß die Familie gern ihrer eigentlichen Aufgabe vergeſſend ſich möglichſt früh der Kinder ent⸗ äußert, ſie der Schule anheimgiebt und dann zum Dank die Schule für Alles verantwortlich macht, was an der Jugend Schlechtes zu Tage tritt. Iſt doch das Gefühl und Bewußtſein, daß Eltern und Lehrer mit allem Ernſt und aus allen Kräften an der Jugend für daſſelbe Ziel gemeinſam thätig ſein und ſich bei dieſer ſchwierigen, ſorgenvollen Arbeit einander freundliche Handreichung thun ſollen bis zu dem Grade verdunkelt, daß ſich beide nicht ſelten in ihrer Wirkſamkeit ſtören und entgegen arbeiten, daß der eine einreißt oder unter⸗ gräbt, was der andere mit Mühe aufgebaut hat, ja daß der eine gar nicht verſteht oder zu verſtehen ſich bemüht, wohl aber tadelt und lieblos richtet, was der andere mit aller Sorgfalt und Weisheit ins Werk geſetzt hat. Aber wie die Familie ſich von der Schule abwandte, ſo hatte andrerſeits auch die Schule ſich dem natürlichen Boden, in welchem ſie einſt wurzelte, unter dem Einfluß des Unglaubens und im Gelüſt nach größerer Selbſtändigkeit meiſt entfremdet; das Kind, das von der Kirche groß gezogen war, hatte ſich emancipiren wollen und war, man kann es ja nicht leugnen, dadurch einer nüchternen Verſtandesherrſchaft und dem modernen Heidenthum verfallen. Als zur Zeit des allgemeinen Abfalls vom Glauben die Kirche verfallen und verödet ſtand und das lebendige Glaubensleben, das der Schule bisher von der Familie noch mehr als von der Kirche zugeführt worden, in beiden erſtorben war, da trat auch beſonders die höhere Schule alsbald in den Dienſt des Zeitgeiſtes und der ſog. Aufklärung. Wenn ſich aber dem Menſchen oder einem Volke der Blick auf ein Höheres verdunkelt, ſo verfinſtert ſich in ihm immer mehr das Ebenbild Gottes und der Menſch ergiebt ſich mit aller Energie ſeines böſen Gewiſſens dem Dienſt der Sinnenwelt und des Naturlebens. Der natürliche Menſch der Sünde ſetzt ſich auf den Thron, macht ſich allein zum Maaß aller Dinge und verſucht es Alles ſich dienſtbor zu machen. Mit der Richtung ſolcher Zeit auf das irdiſche Leben allein, auf den praktiſchen Nutzen und Gewinn, drang nun auch vorzüglich der Realismus in die Schulen ein, und nur die Macht der Gewohnheit rettete noch in unſern höhern Schulen zum großen Theil die alte Tradition der formalen Bildung. Aber auch ſie war, da ſie nur im Dienſt und unter Vorausſetzung eines lebendigen Glaubenslebens Werth und Bedeutung hat, ſeit lange ſchon nüchtern und unfruchtbar geworden. Als dann das Studium der alten Sprachen ſich neu belebte, das Sprachbewußtſein im deutſchen Volke überhaupt intenſiver und umfaſſender wurde, reichte dieſe formale Bildung doch nur dem Geiſte der Verneinung das Scheidemeſſer der Kritik, die Waffen der Polemik gegen alle objektive Wahrheit, gegen jede Tradition, gegen


