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ich ganz besondere Freude abgewann. Ich hatte meine dortige Amtstätigkeit lieb gewonnen und hatte ein dankbares Arbeitsfeld. Nicht leichten Herzens habe ich mich von meiner dortigen Anstalt getrennt. Und dennoch habe ich höheren Ortes gebeten, mich von dort wegzunehmen und mir die Leitung des hiesigen Gymnasiums zu übertragen. Die Gründe, die mich dazu bestimmten, habe ich hier nicht darzulegen, zumal da sie nicht amtlicher, sonder persönlicher Art sind. Nur eins will ich sagen: ich war überzeugt und wußte es, daß ich auch hier wieder Aufgaben fände, welche die volle Kraft eines Mannes in Anspruch nehmen, daß ich hier Amtsgenossen träfe, mit denen mich gleiches Streben, gleiche Ziele verbinden, daß ich auch hier Schüler haben würde, die durch gute Sitten und eifriges Arbeiten uns Lehrern die Erfüllung unserer schweren Erziehungsaufgabe erleichtern wollen. Und doch gehe ich nicht
ohne ein leises Gefühl der Bangigkeit an meine neue Aufgabe. Werde ich imstande sein,
den Platz auszufüllen, den vor mir ein Mann inne hatte, der in besonderem Maße das Ver- trauen und die Wertschätzung der Behörde besitzt, dem das Lehrerkollegium mit voller Ver- ehrung und Zuneigung ergeben war? Und natürlich gedenke ich dabei auch des treuen, lieben Mannes, der vorher lang hier Direktor war, des Herrn Direktors Dr. Fehrs, den die Schüler wie einen Vater, wir Lehrer als unseren älteren Freund verehrten. Wird es mir ge- lingen, Lehrern und Schülern solche Männer zu ersetzen? Werden, so frage ich mich ferner, alle meine Amtsgenossen, die früher mit mir in gleicher Stellung zusammen wirkten, mich nunmehr als den Direktor der Anstalt willkommen heißen? Der erste Eindruck, den ich beim Wieder- sehen mit Ihnen gewann, war für mich beruhigend und erfreulich, und ich hoffe, daß auch in Zukunft die alten freundlichen Beziehungen, die mich mit Ihnen verbunden haben, trotz des veränderten amtlichen Verhältnisses, in das wir nunmehr zu einander getreten sind, kräftig- lich weiter bestehen werden. An meinem guten Willen, meine Herren, soll es nicht fehlen. So wollen wir denn für unser zukünftiges Zusammenwirken uns das Wort des Apostels zu eigen machen, das da lautet:„Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist“. Und so möge denn ein jeder von uns in seinen besonderen Fächern, deren Vertretung er sich zur Lebensaufgabe gewählt hat, sein Bestes zu leisten sich bestreben und seine ganze Kraft ein- setzen, um auf seinem Gebiete das Höchste zu erringen. Aber wir sind eine Gemeinschaft, in der keiner ohne Rücksicht auf den anderen seinen Weg gehen darf. Und so müssen auch wir uns als Glieder eines großen Ganzen fühlen, dazu bestimmt, daß ein jeder an seinem Teile zum Nutzen dieses Ganzen wirke. Der Geist aber, der uns alle erfüllen möge, es ist der Geist der Liebe zu der uns anvertrauten Jugend, der Geist der Geduld auch mit den schwachen unter den Schülern, der Geist edlen Menschentums, der Gottesfurcht, der Vater- landsliebe und der Königstreue, den wir durch Wort und Beispiel unseren Schülern zu eigen machen wollen.
Wir Lehrer des Gymnasiums haben heute vielleicht einen schwereren Stand als unsere Amtsgenossen früherer Jahre, insonderheit die Altphilologen unter uns. Wirft man uns doch gerne ein wenig Rückständigkeit vor. Das ist ein Vorwurf, den wir uns natürlich nicht ge- fallen lassen wollen. Aber wir müssen auch alles meiden, was diesem Vorwurf Berechtigung geben könnte. Und darum glaube ich, daß wir gut tun, das Wort des Dichters zu beherzigen:
„Am guten Alten in Treue halten, Am kräftigen Neuen sich erfreuen, Wird nie gereuen.“
Und nun habe ich noch einen Wunsch für Euch, meine lieben Schüler. UÜber dem Haupteingang der Anstalt, die ich bisher geleitet habe, steht in großen, goldenen Buchstaben ein lateinisches Wort, das sich an eine bekannte Horazische Ode anlehnt:„Introite, quos Musa nascentes placido lumine viderit“: Tretet ein alle, denen bei der Geburt das Auge der Muse freundlich gelächelt hat. Mögen auch dem hiesigen Gymnasium stets viele Schüler beschieden sein, von denen dieses Wort Geltung hat.


