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Kenpzeichnend für das 19. Jahrhundert ist nun, dass die naturwissenschaftliche oder exakte Methode, die auf Beobachtung und Induktion beruht, auch auf andere Wissenschaften ange- wandt wurde. Nicht immer zum Vorteil der Sache. Die Einzelforschung Wird hochgeschätzt. Man geht auf die Quellen zurück, Kritik, zum Teil zersetzende Kritik, herrscht überall. Die Ge- schichte wird eifrig gepflegt, und nicht nur die Staaten-, sondern auch die Kulturgeschichte. Die Wissenschaft des Spatens deckt die Reste früherer Jahrhunderte wieder auf. Ich erinnere daran, dass die erste grosse Friedensarbeit des neuen deutschen Reiches die auf Anregung des kunst- sinnigen deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm begonnene Ausgrabung von Olympia war. Grosse Forschungsreisen werden unternommen. Sammlungen und Museen entstehen. Die Statistik macht sich unentbehrlich. Auch im höheren Schulwesen ist der Einfluss der modernen Zeit be- merkbar: Neben die Gymnasien, die die klassische Bildung pflegen, stellten sich die Realanstalten, die unmittelbarer in das Leben einzuführen suchen. Das war völlig in der Ordnung. Beide Arten von Schulen können neben einander bestehen, sie ergänzen sich.
Aber im Ganzen gewährt die Bildung des 19, Jahrhunderts besonders in seinen letzten Jahrzehnten doch kein so erfreuliches Bild wie die des 18. Hölderlin nannte die Deutschen seiner Zeit„tatenarm und gedankenvoll“; jetzt hat sich das Verhältniss fast umgekehrt. Die Bildung ist allgemeiner als früher, aber sie ist weniger tief; es ist oft nur Verstandesbildung und keine Durchbildung des gesammten Innenlebens; Gemüt und Phantasie kommen zu kurz. Die Anschauung wird von der Reflexion überwuchert. Der moderne Mensch ist wie Hamlet von des Gedankens Blässe angekränkelt. Mit aller Macht müssen wir ankämpfen gegen bloss nandwerks- mässige Routine. Die Phrase kann nicht das Urteil, der mechanische Drill nicht die harmonische Ausbildung der geistigen Kräfte ersetzen.„Wissen ist Macht’ ist ein beliebtes Schlagwort, aber Gelehrsamkeit an sich ist noch keine Tugend. Mehr als das Wissen muss das Köpnnen gelten.
Sehr wünschenswert wäre es, dass der unsere Zeit beherrschende Empirismus durch philosophischen Sinn wieder wett gemacht würde. Aber der Boden ist nicht günstig für philosophische Betrachtung. Von Kant her ist den nambaftesten Philosophen des 19. Jahrhunderts die Betonung des Subjekts gemeinsam. Bei Fichte, Hegel und Schopenhauer ist der Geist Herr über die Natur; die Erscheinungswelt ist von dem erkennenden oder sogar weltschöpferischen Ich abhängig. Diese philosophische Auschauung entsprach überhaupt dem modernen Trieb nach Freiheit des Einzelnen von äusserem und innerem Zwang, nach dem Sichausleben der Persönlich- keit. Dieser im Gegensatz zu dem alles gleichmachenden Sozialismus stehende Individualismus hat den schärfsten Ausdruck durch Friedrich Nietzsche gefunden, der ja in gewissem Sinne auch Philosoph war. Er sang das hohe Lied von dem Einzelnen, der sich über die Masse der„Herden- tiere“ erhebt, als genialer Uebermensch jenseits von Gut und Böse steht und zu Gunsten seiner Person die Umwertung aller Werturteile der blsherigen Moral verlangt. Diese geniale, aber be- denkliche und gefährliche Herrenmoral bestach und bezauberte natürlich viele und richtete in der Literatur und im Leben manches Unheil an. Sonst fand von der Philosophie des 19. Jahrhunderts Eingang in das Leben der Völker fast nur der Schopenhauersche Pessimismus, der aber seit 1870 immer mehr einer optimistischen Lebensanschauung gewichen ist.
Die verschiedenen Kräfte, Strömungen und Ideen des 19. Jahrhunderts spiegeln sich be- sonders klar in seiner Kunst und Literatur. Auch hier muss ich mich ganz kurz fassen. Schiller ragt noch mit vier Meisterdramen in das Jahrhundert hinein. Goethe schuf 1800— 1832


