Jahrgang 
1903
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z. B. die Wahlverwandtschaften, Wilhelm Meisters Wanderjahre und die wundervolle Selbstbiographie, und er vollendete sein tiefstes und grossartigstes Werk, den Faust. Im allgemeinen aber wurde das erste Drittel des Jahrhunderts von der Romantik beherrscht. Im Gegensatz zur nüchternen Autfklärung stellte sie Gefühl, Stimmung und Phantasie hoch, und im Gegensatz zu dem von Schiller, Goethe und nachher z. B. von Grillparzer verehrten klassischen Kunstideal strebte sie danach, rein deutsch und national zu sein. Selbst der grösste deutsche Dichter wurde im Alter von der Romantik im einzelnen beeinflusst; aber das Romantische als solches hielt er für krank- haft. Die Romantik verfiel eben der phantastischen Verirrung, das Aesthetische und Geniale auch in das Praktische umzusetzen und das Leben selbst poetisch zu machen; so erlag sie der ver- nichtenden Kritik Heines uand des jungen Deutschlands, einer Geistesrichtung, die umge- kehrt die Prosa des öffentlichen Lebens in die Dichtung einführte und diese für ihre politischen und für andere durchaus freisinnige Tendenzen missbrauchte. Hervorzuheben ist, dass die Dicht- ung Uhlands und der schwäbischen Schule zwar auf dem Boden der Romantik erwuchs, aber einen durchaus erfreulichen Eindruck macht.

Je reifer, zufriedener und selbstbewusster das deutsche Volk wurde, um so mehr erhob sich seit den fünfziger Jahren ein gesunder Realismus, der sich von den Uebertreibungen der Romantiker und der Tendenzdichter frei hielt. Er wollte nicht das Leben praktisch umgestalten, sondern an den grossen Aufgaben der Zeit dadurch mitarbeiten, dass er das moderne Leben nach seinen mannigfaltigen Seiten erfasste und künstlerisch gestaltete. Nur die grössten Vertreter dieser Richtung seien genannt: Gustav Freytag, der in einem Zeitroman das deutsche Volk bei seiner Arbeit suchte, die Humoristen Fritz Reuter und Wilhelm Raabe, der stimmungsvolle Theo- dor Storm, der Seelenmaler Paul Heyse und alle überragend die Schweizer Gottfried Keller und Konrad Ferdinand Meyer. Zu den Erzählern kommen die Dramatiker Friedrich Hebbel, Otto Ludwig und Ludwig Anzengruber. Zwei von diesen Zehn leben noch jetzt.

Die Romantik war zwar verdrängt, aber nicht getötet. Selbst auft deutschen Thronen zeigte sie sich bekanntlich mehrmals im Laufe des 19. Jahrhunderts. So lief denn nach 1860 neben der realistischen Strömung wieder eine ide alistische, neuromantische her, deren Stärke weniger auf scharfer Beobachtung der Aussenwelt als auf Phantasie und historischem Wissen beruhte. Hierhin gehören die geschichtlichen Romane und Epen z. B. von Scheffel und auch Dramen, unter denen an nationalem Gehalte die von Wildenbruch und Greif hervorragen. ldealistisch war auch die schon vorher einsetzende Lyrik Geibels.

Der moderne Wirklichkeitssinn entwickelte sich aber mehr und mehr, und so trat seit Mitte der achtziger Jahre, beeinflusst durch Zola, lbsen und Tolstoi, der sog. Nat uralismus hervor, der in ausdrücklichem Widerspruch gegen alles Idealisieren das Heil in einseitiger Wiedergabe der Natur sah, als Ziel der Kunst nicht die Schönheit, sondern die Wahrheit betrachtete und mit offenbarer Vorliebe die sozialen Schäden der Zeit, das Gemeine, Niedrige und Hässliche ohne poetische Verklärung behandelte. Immerhin kann man hoffen, dass wie im 18. Jahrhundert so auch nach der modernen Sturm- und Drangbewegung unsere Poesie bald wieder zum schönen Maß zurückkehren und sich um so herrlicher entwickeln werde. Der Beginn des Rückschlags ist schon daran zu beobachten, dass sich neben das Naturalistische, zum Teil bei denselben Dich- tern, jetzt das Mystische, rein Gefühlsmässige, Symbolische, Märchenhafte stellt. Zweifellos führt