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die Menschheit oder die Gesellschaft als ein organisches Ganzes an, dessen einzelne Glieder von Natur die gleichen Rechte im Staate und im Wettbewerb des Lebens, aber auch die gleichen Pflichten haben, um im wechselseitigen Zusammenwirken ihre Kräfte zu entfalten. Gewiss ein schöner und berechtigter Gedanke! Wie es sich in der französischen Revolution um die Hebung des dritten Standes handelte, so kam es jetzt besonders darauf an, den vierten Stand, den der Arbeiter, zu„menschenwürdigem Dasein“ in materieller und geistiger Beziehung zu führen. Und auch das wird jeder Menschenfreund billigen, da in der Tat viel zu reformieren war. Aber die am Anfang der sechziger Jahre von Lassalle ins Leben gerufene und immer mehr anwachsende sozialdemokratische Partei überspannte den Bogen von vornherein. Sie betrachtete die Arbeitgeber und alle Besitzenden als die ungerechten Unterdrücker, die Arbeiter oder Prole- tarier als die durch die Uebermacht des Kapitals Unterdrückten, schürte den Klassenhass, wurde immer internationaler und plante, den von ihr erträumten Zukunftsstaat durch den Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung zu verwirklichen. Trotzdem aber fanden die guten Gedanken des Sozialismus immer mehr Eingang. Nachdem Bismarck schon 1866 in richtigem Verständnis der Zeit das allgemeine Stimmrecht eingeführt hatte, das zu Lassalles Forderungen gehörte, ging der greise Kaiser Wilhelm, gerecht und alle Untertanen mit gleicher Fürsorge um- fassend, mit den beiden Friedensbotschaften von 1881 und 1883 zu geradezu selbständiger Sozialpolitik des Staates über, um die sozialen Schäden zu heilen und das Wohl der Arbeiter zu fördern. Das neunzehnte Jahrhundert hat aber dem unsrigen noch eine grosse Erbschaft in dieser Beziehung hinterlassen. Möge darin die soziale Frage, zu der übrigens auch die Frauen- frage gehört, im Interesse der Volkswohlfahrt und des inneren Friedens ihrer Lösung immer näher geführt werden!
Soowohl die steigende Bedeutung der Volkswirtschaft als auch die Verbreitung der ver- derblichen Umsturzgedanken hat ihren Grund besonders in dem ungeahnten Aufschwung, den die Industrie und Technik im vorigen Jahrhundert genommen haben. Denn während die Bevölkerung Deutschlands früher rein ackerbauend war, werden jetzt die Arbeitermassen immer grösser, die in dem Grossbetrieb der vielen Fabriken notwendig sind. Durch Dampf und Elek- trizität sind die Schranken von Raum und Zeit fast überwunden. Unser Zeitalter steht im Zeichen des Verkehrs; Telegraph, Telephon, Weltpost und Welthandelentstanden. Neue Erfindungen und Kultur- mittel aller Art beeinflussen die ganze Lebenshaltung. Staunenswerte Wunder der Technik werden verrichtet. Wahrer als je ist jetzt das alte Wort„Vieles Gewaltige lebt, doch nichts gewaltiger als der Mensch“. Bei der Jahrhundertfeier der technischen Hochschule zu Berlin im Jahre 1899 hat auch unser Kaiser die Bedeutung und die soziale Aufgabe der Technik treffend gewürdigt.
Aber die Blüte von Gewerbe und Industrie wäre nicht möglich ohne die grossen Fort- schritte der Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert. Alexander von Humboldt wurde der Begründer der modernen, der beobachtenden Naturbetrachtung, der eigentlichen Naturforschung, Robert Mayer entdeckte 1842 das Gesetz der Erhaltung der Kraft, auf dem die Pbysik, ja das ganze Naturerkennen jetzt beruht. Die Chemie wurde namentlich durch Liebig in Giessen um- gestaltet. Helmholtz erneuerte die Optik und Akustik, die Spektralanalyse wurde praktisch ver- wertet. Die Gesundheitskunde verbreitete sich immer mehr. Mit Hilfe der schon von Goethe und Schelling geahnten Entwicklungstheorie suchte man den grossen Welträtseln auf die Spur zu kommen.


