Jahrgang 
1903
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jedem geläufig, und schon um Zersplitterung zu vermeiden, werden wir vom 18. Jahrhundert ab- sehen müssen, wie wichtig es auch für die preussische Geschichte gewesen ist.

Aber einen Ueberblick über das 19. Jahrhundert zu geben, liegt um so näher, weil wir erst kürzlich die Schwelle eines neuen Jahrhunderts überschritten haben. Die Teil- nahme für die politische Entwicklung Deutschlands wird zwar im Vordergrunde stehen, aber äusserst wertvoll ist es doch, ein allgemeines Bild der deutschen Kultur in der hinter uns liegenden Zeitspanne zu geben, von der wir alle ein grösseres oder kleineres Stück mit erlebt haben. Wollen wir wirklich aus der Vergangenheit die Gegenwart verstehen, so müssen wir also nicht nur die Gestalten der preußischen Könige und ihre rühmliche Tätigkeit betrachten, sondern auch andere bedeutende und bahnbrechende Männer sowie überhaupt das natio- nale und geistige Leben des deutschen Volkes mit seinen Aufgaben, Ideen und Strömungen.

Den ganzen unermesslichen Inhalt des 19. Jahrhunderts zu erschöpfen, ist natürlich un- möglich. Es kann sich heute nur darum handeln, die leitenden Gesichtspunkte, das die Ent- wicklung des deutschen Volkes Bestimmende und Kennzeichnende, das wahrhaft Grosse, das Bleibende aus der Erscheinungen Fülle herauszuheben und in grossen Zügen zu schildern.

Die wichtigste Errungenschaft des 19. Jahrhunderts ist, dass es die Deutschen zu einem einigen Volke, zu einer politischen Macht erhoben und den nationalen Gedauken zur Entwicklung gebracht hat. Der Charakter des 18. Jahrhunderts war ästhetisch, literarisch, welt- bürgerlieh. Die glänzenden Taten des grossen Preussenkönigs wurden bewundert. Es fehlte auch nicht an nationalen Dichtungen wie Minna von Barnhelm, Götz von Berlichingen, Hermann und Dorothea. Aber ein alle deutschen Stämme umfassendes Gefühl der politischen Zusammengehörigkeit gab es nicht. Deutschland war politisch zerstückelt und machtlos, das neue Jahrhundert sah den Zu- sammenbruch des alten deutschen Reiches und die tiefe Erniedrigung unseres Vaterlandes. Die Muttersprache war fast das einzige Band der deutschen Volksgenossen. Aber gerade die ge- meinsame Not führte unser Volk zur Anspannung seiner ganzen Kraft und zur inneren Erneuerung. Preussen füllte sich mit neuem Geiste, und durch die Stein-Hardenbergische Gesetzgebung wurde es zu einem neuen Staate. Namentlich die Einführung der allgemeinen Dienstpflicht wirkte einigend. Schiller war seit 1805 tot. Aber noch eindringlicher als vorher predigten seine Dicht- ungen dem deutschen Volke jetzt Idealismus und Patriotismus. Aus seinem Tell, der in seheri- sener Ahnung der Bedrückung durch den fremden Eroberer geschrieben zu sein schien, entnahm man die Mahnung, ans Vaterland, ans teuere, sich anzuschliessen; und aus seiner Jungfrau von Orleans tönte esNichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre undWas ist unschuldig, heilig, menschlich gut, wenn es der Kampf nicht ist ums Vaterland? Die Romantiker belebten wieder den Sinn für das deutsche Altertum und das deutsche Wesen überhaupt. Arndt und Fichte entflammten die Gemüter, dieser durch die kühnen Reden an die deutsche Nation, jener durch die volkstümliche, freimütige SchriftGeist der Zeit.

Auf die Tat des eisernen VYork folgte der Aufruf Friedrich Wilhelms III., der allgemeine Begeisterung weckte. Die erhebende Stimmung der Befreiungskriege fand herrlichen Ausdruck in den Liedern und Gedichten von Arndt, Schenkendorf, Körner und Rückert. Diesen Stimm- führern war schon Kleist mit manchen Gedichten und mit seiner von glühendem Gefühl getragenen