Jahrgang 
1903
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den; kämpft mit Sensen, Beilen, Mistgabeln, mit allem, was euch in die Hände fällt. Nehmt Steine von unserem heiligen Boden und steinigt den Eindringling mit den Knochen unsrer Mutter Frankreich! Goethe hat doch Recht: Ein politisch Lied, ein garstig Lied!

Ein edles Pferd schäumt, wenn Sporn und Peitsche es treffen, so bäumt sich Frankreichs Stolz auf unter der erlittenen Demütigung. Allein der echte Patriotismus des gereiften Mannes wird auch dem Feinde gerecht und sucht nach den tieferen Gründen der Niederlage. Strenge Selbstprütung und unparteiisches Urteil ist aber dem leichtblütigen, einzig seinen Impulsen ge- horchenden Volke nicht gegeben; einem Volke, das, nur von Sympathien oder Antipathien geleitet, heute Hosianna! morgen Kreuzige! ruft; das heute die allgemeinen Menschenrechte erklärt, mor- gen jeder Menschlichkeit Hohn spricht; nur zwischen den Extremen des Despotismus und der Anarchie sich bewegt, und unter dem Deckmantel einer schwer errungenen Freiheit individueller Willkür den breitesten Spielraum lässt. Dies Volk, dem jede sittliche und politische Reife fehlen, ist um so leichter zu täuschen und zu verleiten, als es mit einer grossen Vergangenheit gebrochen hat, die ihm als Leitstern dienen könnte. Rabelais nannte die Franzosen einerace moutonnière. Willenlos wie eine Hammelherde folgt das Volk dem Führer, den die Presse und die öffentliche Meinung unterstützen. Dieopinion publique aber wird in Paris gemacht, dem literarischen und politischen Mittelpunkt des Landes. Das Tout-Paris ist wiederum nur ein Kreis von einigen tau- send Männern, Helden des Gedankens und der Feder, untermischt mit abenteuernden Glücksrittern, catilinarischen Existenzen jeder Art. Da ist der geistreiche Journalist und der redegewandte An- walt, der grübelnde Gelehrte und skeptische Arzt, der erfiuderische Ingenieur und der leichtfertige Künstler. Die Vereinigung so vieler Talente teilt ihre Ideen der grossen Masse derer mit, die unter den Sorgen des Tages ohne eigne Gedanken dahinleben. So wurde Sadowa als eine Nie- derlage für Frankreich hingestellt und Napoleon III. in den Krieg getrieben, so Dreyfus im In- teresse der Militärpartei bis an die Grenze des Wahnsinns gebracht; so der Revanchegedanke bei dem im Herzen friedliebenden Franzosen genährt. Es ist bedauerlich, dass zwei Völker, die schon bei ihrem Entstehen in den Strassburger Eiden(842) ein Schutz- und Trutzbündnis geschlos- sen, Völker, deren Interessen auf wissenschaftlichem, künstlerischem und kulturellem Gebiete so vielfach einander ergänzen, ein Jahrtausend hindurch feindliche Nachbarn gewesen sind. Zwar ist nicht zu verkennen, dass die Republik in neuerer Zeit unter Führung ernster Männer in ein ruhigeres Fahrwasser gekommen ist; es wäre indes voreilig zu hoffen, dass das weiterwendische Volk sich plötzlich aller politischen Untugenden entäussert hätte. Nur mögen Ländergier und Ruhmsucht Selbstzweck bei den Kriegen des monarchischen Frankreich gewesen sein, während heute die nach dem Ruder strebende Partei, einerlei ob monarchisch, republikanisch oder natio- nalistisch, diese Leidenschaften entfachen wird, um zum Ziele zu gelangen. Darum haben die Worte, welche Moltke am 18. Juni 1868 im Reichstage sprach, für uns auch heute noch volle Gültigkeit: Ich sehe zum Frieden nur eine Möglichkeit: dass im Herzen von Ruropa sich eine Macht bilde, die, ohne selbst eine erobernde zu sein, so stark ist, dass sie ihren Nachbarn den Krieg verbieten kann. Diese Macht, das neue, geeinigte Deutschland, erwuchs eine lronie des Schicksals aus der blutigen Saat, die Frankreich gesät, als es im Vertrauen auf die historische Zwietracht der deutschen Stämme und Fürsten den Krieg 1870/71 ruchlos heraufbeschwor. Im neuen deutschen Reich aber sind unsere Fürsten in erfreulichem Gegensatz zu jenen Erscheinungen der älteren Geschichte, die Hauptträger des nationalen Gedankens geworden. Allen voran der erhabene