Jahrgang 
1903
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tragen und unterzogen sich mit bewunderungswürdigem Eifer den militärischen Ubungen; um so mehr, als der phantastisch-theatralische Sinn zugleich Befriedigung fand. Man nähte sich einen roten Streifen an die Hose, eine Reihe blanker Knöpfe an die Bluse, kaufte sich ein Käppi, und fertig war der Vaterlandsverteidiger.

Grotesk-phantastisch nahm sich der bunte Aufputz mauncher Freikorps aus, waren die Er- findungen, welche tagtäglich bei Trochus Generalstab einliefen, um die Preussen zu vernichten: Stinkbomben, Bomben, die zum Niesen reizen, lenkbare Luftballons, griechisches Feuer u. d. m. Ob nicht die übertriebenen Hoffnungen, welche im Falle eines zukünftigen Krieges die Franzosen auf die vielseitige Verwendbarkeit der Luftballons und der Unterseeboote setzen, ins Gebiet der Phantasie gehören, bleibt abzuwarten. Jedenfalls haben die jahrelangen Versuche der Brüder Renard noch keinen nennenswerten Fortschritt der Luftschifffahrt bewirkt. Nur im Lande, wo der Schein alles gilt, konnte der brav' général Boulangeren revenant de la revue die Köpfe erhitzen, konnte die Austragung von Ehrenhändeln zwischen Männern zur lächerlichen Farce werden. Sympathischer mutet uns die Pose an, in welcher Vercingetorix sich zum letzten Male Freund und Feind zeigte. Auf feurigem Kriegsross, in glänzendem Waffenschmuck, sprengt er aus dem Tore von Alesia. Er umkreist den Hügel, auf welchem Caesar sitzt, springt dann vom Pferde, beugt das Knie vor seinem Uberwinder und:Habe, inquit, fortem virum, vir fortissime, vicisti! So lesen wir bei Florus. Selbst Schauspieler und Held der Phrase, lässt der Franzose sich leicht von der Phrase blenden. Schon Caesar hebt als nationale Eigenschaft die Gallica ostentatio hervor, die unglaubliche Gross- sprecherei. Das Unglaublichste im Bramarbasieren und Aufschneiden sollen die Gascogner liefern, die Griechen des neuzeitlichen Frankreich,bretteurs, menteurs sans vergogne. Der lächerlichste Typus des Renommisten ist Tartarin de Tarascon, der edelste Cyrano de Bergerac.Nous sommes archi- prèts! erklärt Leboeuf, und der Kriegsminister André prahlt, das französische Heer sei das beste der Welt. Jules Favre war mit seinem:Ni un pouce de notie territoire, ni une pierre de nos forteresses! nur das Echo der öffentlichen Meinung, und das geflügelte Wort:Vous éêtes des lions conduits par des anes! tröstete sie über ihre Misserfolge. Bald nach dem Frieden von Ver- sailles hielt Gambetta in Bordeaux eine Rede und ermahnte die Bürger den Fehler der Eitelkeit abzulegen(übrigens eine köstliche, unbewusste Selbstironie):Wisst Ihr, was man während des Krieges im Ausland sagte? Es giebt keine Bücher mehr! Und wahrlich, das gänzlich mit seiner Verteidigung beschäftigte Frankreich hatte nichts geschaffen für das geistige Bedürfnis der Nationen!

So beherrscht also die Phrase das öffentliche Leben in Frankreich; man ersetzt die grossen Taten gern durch grosse Worte und wiegt sich lieber in tröstlichen Illusionen, als dass man der bitteren, die Eitelkeit verletzenden Wahrheit ins Gesicht schaut. Während der pessimistische Deutsche von vornherein zur Kritik neigt, das Für und Wider sorgfältig abwägend an ein Unternehmen heran- tritt, giebt der Franzose sich mit dem ganzen Feuer seines Optimismus jeder neuen Arbeit hin. Unerschrocken, tollkühn geht er als Soldat in Gefahr und Tod; das Bewusstsein, dass die Augen der Welt auf ihm ruhen, macht ihn zum Helden. Doch der élan hält nur im Erfolge vor, der Misserfolg entmutigt, der Rückzug demoralisiert ihn. Derselbe rasche Simmungswechsel beim Volke; himmelhoch jauchzend bei den unwahrscheinlichsten Siegesnachrichten, zum Tode betrübt, wenn die Nachricht sich als falsch erweist. In kritischen Zeiten ertönt denn das entnervende WortVerrat, und wehe nun dem eben noch vergötterten Führer. Im August feiert Paris seinen Gouverneur als Retter des Vaterlandes, im Oktober, nach dem Verluste von Le Bourget und der Kapitulation von Metz, ertönen die Rufe:A bas Trochu! Bazaine war im Beginn des Krieges