10 Gunsten einer unfehlbaren Staatsidee unterdrückt. Coppée nennt mit dichterischer Freiheit das Französische„la langue que parlait Horace“. In Wahrheit jedoch teilte Gallien fünf Jahrhunderte lang die tiefe Entsittlichung Roms unter den despotischen Imperatoren, ohne dass es ihm wie Ger- manien gelungen wäre, sich zur Freiheit durchzuringen. Politische Freiheit brachte ihm erst der Germane wieder. Doch diese beschämende Tatsache ist dem Bewusstsein des Volkes ganz ent- schwunden, denn Karls des Grossen Heldentaten, Chlodwigs, des Franken, Erfolge rechnet es sich zum Ruhme an.. „Ton Vitikind tient téte à notre Charlemagne, Et Charlemagne méme est un peu ton soldat.“ singt Hugo naiv in oben schon genanntem Gedicht. „Au Rhin de Charlemagne et des Napoléons!“
heisst es in der gleichfalls erwähnten neuen Marseillaise. Wenn Franz I. und Ludwig XIV. sich die deutsche Kaiserkrone hätten aufs Haupt setzen können, wenn Napoleon IJ. das Reich Karls des Grossen wieder erneuert und Paris zur Hauptstadt der Christenheit gemacht hätte, nie wäre Frankreichs Ruhm strahlender gewesen. Der kalte Egoismus Napoleons, welcher bei der Schaf- fung des modernen Frankreich nur an sich gedacht, die Knechtung des Geistes und der steife Prunk seines Hofes, sein Mangel an Lebensart sind vergessen; im Volke lebt nur noch das Ge- dächtnis seiner Siege. Denn der Lieblingsgötze der Monarchie und Republik war und ist der Kriegsruhm, trotz der merkwürdigen Tatsache, dass der Franzose nur widerwillig sich der militä- rischen Disziplin beugt, und Wehrpflicht ihm eher eine Last als eine Ehre bedeutet. Die gloire findet bei Viktor Hugo und an anderen Stellen der Kriegsliteratur vielfachen Ausdruck. Der grosse Dichter träumte gern von einer Idealrepublik, die sämtliche Völker Europas in sich ver- einigte. In welchem Verhältnis die einzelnen Republiken zu einander stehen sollten, offenbart uns eine Kriegsphantasie:„Rève étrange de Franz l'’Alsacien en 1870.“ Der Rat der Nationen hält eine Sitzung ab im Schatten der französischen Farben und unter dem Vorsitz des französischen Volkes. Wir sehen versammelt die Tochter Albions, die Beherrscherin der Meere, doch nicht mehr die perfide und hochmütige; die riesige Göttin des Reifs von der Newa, welche die knechtende Knute mit dem Triangel, dem Zeichen der Gleichheit, vertauschte. An Stelle der stolzen Germania sind sanfte Mädchen erschienen, deren ruhige Züge entfernt an sie erinnern. Plötzliche Stille. Ansprache vom Genius des Friedens. Begeistertes Murmeln. Eine riesige Stadt erscheint in den Wolken, von mildem Lichte umflutet. Flammen umspielen sie, und folgende Worte erscheinen unter den Farben des Regenbogens: Republik. Paris, Hauptstadt der vereinigten Staaten der Welt.
Spezifisch keltisch-französische Vorzüge und Fehler haben sich vereinigt, um dem moder- nen Franzosen sein charakteristisches Gepräge zu verleihen. Die ausserordentliche Begeisterungs- fähigkeit, eine üppig wuchernde Phantasie, die den Erfolg ins Unermessliche steigert und ihn hindert die nackte Wirklichkeit zu erkennen, die Herrschaft der Phrase und der Hang zum thea- tralischen Auftreten. Die grossen und kleinen Revolutionen beweisen es, dass eine Handvoll Männer von Temperament und Geist das Leben der ganzen Nation in andre Bahnen zu lenken vermögen. Des Vercingetorix leidenschaftliche Beredsamkeit konnte die gallischen Stämme trotz aller Zerrissenheit noch einmal mit Begeisterung für die Sache des Vaterlandes erfüllen. Gam- betta, an Tatkraft und Hingebung das Abbild des grossen Keltenführers, stampfte Armeen aus dem Boden, als fast das gesamte reguläre Heer kriegsgefangen war. Mit Enthusiasmus liessen sich die friedliebendsten Bürger während der Einschliessung von Paris in die Listen der Nationalgarde ein-


