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Und doch ist unserm Nachbar der scharfe Blick für Personen und Verbältnisse angeboren; er beobachtet schneller als der Deutsche. Mit feinfühligem Verständnis und unerbittlicher Schärfe analysiert Balzac, der Meister des realistischen Romans, die Irrungen des menschlichen Verstandes und Herzens; wie sicher trifft der schnelle Stift des Karikaturenzeichners menschliche Schwächen und Torheiten; mit elegantem, schneidendem Witz geisselt der giftige, geistreiche Pamphletist soziale und politische Schäden. Der„esprit gaulois“, d. h. die Kunst in spottender oder leiden- schaftlicher Beleuchtung der Rede seiner Einbildungskraft die Zügel schiessen zu lassen, ohne af- fektiert zu erscheinen, durch Scharfsinn zu überraschen und jedes Fünkchen Geist in glänzende Worte zu fassen, ist der Stolz des Franzosen. Sie ist dem ganzen Volke eigen und bildet eine harmonische Ergänzung zur Kunst der Geselligkeit. Der eigentümliche, ätzende Berliner Esprit wird von einigen als französisches Erbteil angesehen und auf die vielfache Vermischung mit den Nachkommen französischer Hugenotten zurückgeführt. Unter dem Mantel des Spottes, Ulkes, Scherzes verbergen sich bei dem Pariser die zartesten Gefühle, verbarg sich während der Bela- gerung ihrer Stadt viel opferwilliges Heldentum. Die Persiflage des Napoleonischen„l'empire, c'est la paix“, welche die Pariser Witzblätter zur Zeit brachten, als Aussicht auf Frieden dem Nahrungsmangel ein Ende zu machen schien:„le cochon, c'est la paix“, ist zwar nicht grade fein, aber wir begreifen, dass unter dem Druck der Leidenschaft jene Gabe schärfer hervortritt; sie artet in Rohheit aus, wenn gekränkte Eitelkeit und falscher Patriotismus kleinliche Rache an den Heldengestalten unsrer modernen Geschichte nehmen. In den„Idylles prussiennes“, durch deren Vortrag von der Bühne herab die Spottsucht des Parisers während der Einschliessung befriedigt wurde, finden wir ein Gedicht,„La Lune“ betitelt. Darin vergleicht Théodore de Banville den König Wilhelm, Bismarck und Moltke mit den drei Schicksalsschwestern, welche im Schlosse zu Ferrieres versammelt, wie die drei Schwestern im Macbeth ihr Mordlied heulen. Moltke, mit einem Gesicht, das gefurchter ist als das weite Meer, sagt nichts; Bismarck zählt dem Könige alle Reiche auf, die er noch erobern will: Asien, Afrika, Amerika. Dann kehren wir heim, meint er, denn:„On ne peut pas prendre la lune.
Quiconque s'en serait chargé Risquerait fort à l'entreprendre.
Si, dit alors de Moltke, j'ai
Fait mes calculs: on peut la prendre!“
Das Zugeständnis, welches in dieser Probe gallischen Esprits an deutsche Gründlichkeit und wissenschaftliche Methode gemacht wird, wollen wir anerkennen, die Geschmacklosigkeit des Vergleichs mag der Sieger dem Unterlegenen verzeihen. Aber die halb unbewusste- Verdrehung der Tatsachen(die Unterschiebung der Eroberungssucht), der Mangel an historischem Sinn ist charakteristisch für die Anmassung des französischen Volkes. Wie der Patriotismus in nationale Beschränktheit, so artet das Selbstgefühl in Selbstvergötterung aus. Ein bezeichnender Ausdruck für diesen nationalen Kult ist die Inschrift des Versailler Schlosses:„A toutes les gloires de la France!“ Der„gloire de la grande nation“ dient es, wenn die Franzosen sich seit der Revolution gern als Nachkommen der römischen Republik betrachten, auf römisches Heldentum und römische Kultur stolz sind, als ob sie ihr Eigentum wären. Napoleon I. weiss in seinen Proklamationen das Heer durch Hinweis auf die Ruhmestaten der römischen Legionen zu begeistern; auch Napoleon III. pflegt den engherzigen römischen Geist, der jede persönliche Freiheit, das teuerste Gut des Germanen, zu


