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Jagd nach Gut und Ehre dank der scharf getrennten Rangstufen des alten Regimes nicht kannten, und ihr Talent, sich und andere zu amüsieren, rückhaltlos und ohne Hintergedanken ausnutzten. Erst die Revolution entwickelte die schlummernden Leidenschaften, enthüllte die Bestie im Fran- zosen in einer Weise, wie sie bei den übrigen zivilisierten Völkern Europas ihresgleichen nicht findet. Die ganze Zügellosigkeit des Galliers kam da wieder zum Ausbruch und berechtigt uns das bekannte Wort„Grattez le Russe et vous aurez le Tatare“ dahin zu modifizieren:„Grattez le Français et vous aurez le Gaulois.“
Haben wir bis hierher den Vorzügen des französischen Nationalcharakters ohne eng- herzigen Nationalgeist gerecht zu werden versucht, so werden wir nun, da der Franzose aus der Werkstatt, der Familie ins öffentliche Leben tritt, ihm öfters unsere Sympathie versagen müssen. Doch wenn wir uns die Fehler dieses leidenschaftlichen Volkes vergegenwärtigen, die nach dem siebziger Krieg um so schärfer hervortraten, als es plötzlich aus der Höhe seiner vermeintlichen Ueberlegenheit herabgestürzt wurde, so wollen wir die Milde nicht vergessen, die dem Sieger ziemt, welcher dem eitlen Volke gezeigt, dass es nicht mehr allein an der Spitze der Zivilisation marschiert. Wir berührten oben schon die kindliche Furcht des Franzosen vor seine Eitelkeit treffender spottender Kritik. Der Schmeichler und Schönredner kann der Wahrheit nicht gut ins Gesicht sehen. Wenn solche Wahrheiten ihn aber in seiner Eitelkeit und seinem Nationalstolz zugleich verletzen, dann kennt er keine Grenzen in hämischem Neid und kleinlicher Rachsucht. Kein Wunder, dass Alfred de Mussets giftige Antwort auf Beckers Rheinlied und seine be- schämende Kritik deutscher Geschichte in Frankreich begeisterten Wiederhall fand. Man höre nur, wie boshaft er die Beckerschen Zeilen abtut:
„Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, Solang sich Herzen laben an seinem Feuerwein.“
„Nous l'avons vu, votre Rhin allemand,
Si vous oubliez votre histoire,
Vos jeunes filles, sürement,
Ont mieux gardé notre mémoire;
Elles nous ont versé votre petit vin blanc!“
Preussens wachsende Macht reizte des Franzosen Eigenliebe und rief in ihm den Wunsch hervor als Sieger in die preussische Hauptstadt einzuziehen. Als dann statt des Spazier- gangs nach Berlin die Invasion so unerwartet kam, liess die nationale Eitelkeit es dem leichtgläu- bigen Pariser bis zuletzt unmöglich erscheinen, dass diese Barbaren, Hunnen, Vandalen und Pan- duren(sic!) es wagen würden, Hand an ihre heilige Stadt, an Victor Hugos„cervelle du monde“ zu legen. Bis zum ersten Kanonenschuss vom Mont Valérien glaubte er an deren Uneinnehmbar- keit. Aber die Einschliessung hemmte den Fortschritt der zivilisierten Welt nicht; Paris erlebte die Enttäuschung, dass Europa oder Amerika wohl sein Licht entbehren, es selbst aber nicht ohne die übrige Welt existieren konnte. Doch zur Einsicht kam es nicht. Dasselbe Volk, welches die Mordbrennereien in der Pfalz, die Plünderung der Rheinprovinz zu seinen Ruhmestaten rechnet, raste in verletzter Eitelkeit. In absichtlicher Verblendung liess es in Poesie und Prosa seinen Groll an dem„übermütigen“ Sieger aus. Durch eine ganze Literatur kehren auch bei den be- deutendsten Schriftstellern die lächerlichen, wohlbekannten Beschuldigungen des Diebstahls von Uhren und Pianinos(l), der Gefangenenverstümmelung, der Unmässigkeit im Essen und Trinken, der Habgier und Kriecherei, der Heuchelei und des Stumpfsinns wieder. Es scheint, als ob der


