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dies Ziel erreicht ist. Er ist zum Egoisten geworden durch seine Erziehung. Schon in der Schule arbeiten Lehrer und Schüler nur auf den Erfolg im concours général hin. Und dieses in fast allen Verhältnissen des Lebens durchgeführte System des Wettbewerbs, das Eippauken zu dem Zweck als Erster aus dem Kampf hervorzugehen und die grösste Anwartschaft auf diese und jene Sinekure zu haben, ertötet in ihm die Liebe zur Arbeit um der Sache willen. Seine Ordnungs- liebe und Solidität offenbaren sich in vielen Verhältnissen. Er geht gern gut gekleidet, scheut aber alles Auffallende. Er ißt um zu leben, d. h. er sieht mehr auf die Güte als die Menge des Genusses; die französische Küche ist denn auch überall bekannt und geschätzt. Die Wert- schätzung des Eigentums und des dadurch bedingten behaglichen Lebens führen ihn früh zur Sparsamkeit: die Zinsen eines kleineren oder grösseren Vermögens ergänzen gewöhnlich die Ein- künfte seines Berufs. Aus jenen Gründen erlischt die ihm angeborene Höflichkeit gegen jeder- mann, sobald seine Börse in Mitleidenschaft gezogen werden soll. Er kann ein aufopfernder Freund sein und ist in jedem Falle ein guter Kamerad. Gute Laune, gesunder Humor, leichte Fröhlichkeit und durch Gutmütigkeit gemilderte Spottsucht stempeln ihn zum hervorragenden Gesell- schafter. Schon der Umstand, dass das Französische als anmutig im Ausdruck, knapp und doch klar, unterhaltsam und doch bedeutend, als lebendig und doch formvollendet, pointiert und doch ungekünstelt, die verbreitetste Gesellschaftssprache ist, beweist die geselligen Gaben der Nation. Der Franzose besitzt ein glänzendes Erzählertalent, seine Darstellungsweise wirkt häufig geradezu dra- matisch. Er kann über alles reden, ohne allzuviel Schnitzer zu machen, und wenn er dabei nur die Oberfläche streift, so bewahrt ihn das vor der die Geselligkeit ertötenden schwerfälligen deut- schen Gründlichkeit. Er ist Fremden gegenüber zurückhaltender als der Deutsche, aber immer verbindlich, fast schmeichelnd. Im Gespräch mit anders Gesinnten weiss er sich besser zu be- herrschen: er gleitet leicht über heikle Fragen weg, unterdrückt spitze Bemerkungen und ver- letzende Worte. Seine Selbstgefälligkait unterstützt ihn in Fragen des Taktes; der Wunsch zu gefallen zügelt seine Leidenschaftlichkeit, stachelt aber auch seinen Geist und giebt ihm die blitzende Waffe des geflügelten Wortes in die Hand. Paris verlor selbst in den schlimmsten Stadien der Belagerung nicht die Freude am bon mot. Seine Gefallsucht erklärt uns seine un- glaubliche Empfindlichkeit gegen Spott. Den Germanen charakterisiert der Abscheu vor der Lüge, für den Franzosen ist Apgst vor Lächerlichkeit das Kriterium des Benehmens. Paris, schrieb ein witziger Journalist einmal vor der Belagerung, wird niemals erobert werden können, sonst würde es sich einfach lächerlich machen. Daher die ängstliche Scheu vor allem dem„qui ne se fait pas.“ Nur wenn es giät die Eitelkeit zu befriedigen, tritt jene Angst in den Hintergrund. Wohl spöttelt man über den Tand der Ordensdekorationen, liegt aber doch vor ihnen auf den Knien. Das rote Band der Ehrenlegion, der Traum eines jeden Franzosen, wird nicht nur bei feierlicher Gelegenheit, sondern auch auf der Strasse, der Jagd und sogar am Schlafrock oder Badekostüm getragen. Ein schöner Zug offenbart sich hingegen wieder in der Achtung, die selbst der Mob der Rosette entgegenbringt. Man bewundert wohl die stattliche Erscheinung eines Ritters der Ehrenlegion und beeilt sich ihm seine Dienste anzubieten.
So können wir kurz zusammenfassend behaupten, dass der Typus der französischen Bourgeoisie sich darstellt als ein guter Gatte und Vater, ein treuer Freund und kluger Geschäfts- mann, ein mässiger, sparsamer Hauswirt und vorzüglicher Gesellschafter. In dieser Beziehung gleicht er also noch den Ahnen aus der Zeit vor der Revolution, welche ohne unsere moderne Rastlosigkeit nur ihren geselligen, liebenswürdigen Neigungen lebten; welche die entnervende


