Jahrgang 
1903
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disch Verbrüderungsfeste und Revolutionen lösen seit Generationen einander ab, ver- schwenderisch man vergleiche die imposanten Sum men, die für Heer und Kolonien aufgewandt werden leichtsinnig und leichtgläubig, wäre der Franzose als Privatmann ein Muster aller

bürgerlichen Tugenden, wenn er sich die Achtung vor der Frau, die den Deutschen vor allem eigen ist, zu erhalten gewusst hätte. Weitherzigkeit, liebenswürdiges Wesen, Edelsinn müssen ihn auch dem Erbfeinde beliebt machen; Vorsicht, Sparsamkeit und Besonnenheit charakterisieren sein häusliches Leben. Durchaus falsch ist es, sich das Familienleben desselben so vorzustellen, wie es uns in der leichten Literatur entgegentritt, mit der Paris den Büchermarkt überschwemmt. Wenn der junge Franzose sich ausgetobt hat, geht er meist eine Vernunftehe ein, bei welcher bezeichnender Weise der contrat de mariage mit seinen Bestimmungen über Mitgift, Gütergemein- schaft u. a. m. eine Hauptrolle spielt, und widmet sich in glücklichem Familienleben Weib und Kindern. Wirtshausleben in unserem Sinne ist dem Mittelstande, denn die geschilderten Ver- hältnisse können nur für ihn als typisch gelten, fremd; Klub und Kneipe sind nur für den vor- nehmsten und niedrigsten Stand. Wenn dann die Kinder schulpflichtig geworden sind, schickt man in besseren Kreisen die Töchter immer noch gern ins Kloster, wo sie die Erziehung für den Eintritt ins Leben erhalten sollen. Die Söhne werden durch die höheren Lehranstalten, die zum überwiegenden Teile Internate sind, der Familie gänzlich entzogen. Weder die blinde Zärtlichkeit der Eltern, deren eifriges Bestreben ist, den Lebensweg des Kindes zu ebnen, noch die strenge Abgeschlossenheit der Schule gegen die Aussenwelt tragen dazu bei, die männlichen Eigenschaften seines Charakters zu entwickeln. Er ist wohl ein Mann von klugen Sinnen, mit gutem Herzen und gesundem Verstande, aber solchen Eigenschaften fehlt der Ernst sittlicher Reife. Scheu vor unbequemer Verantwortlichkeit und die ausserordentliche Centralisation der Verwaltung entziehen die einfachsten öffentlichen Angelegenheiten seiner Teilnahme. Kein inneres Pflichtgefühl treibt ihn mit offenem Visiere gegen politische oder soziale Schäden anzukämpfen. Die in bunter Reihe sich ablösendenAffairen zeigen, dass moralischer Mut und männliche Ueberzeugungstreue nur wenigen hervorragenden Geistern eigen sind.La France, c'est une femme bekennen französische Schrift- steller selbst, während die Germanen das männliche Prinzip unter den Nationen vertreten. Seitdem die materialistischen Lehren der französischen Aufklärung die idealen Forderungen des Herzens und Gemütes ganz zurückgedrängt, beherrscht allein der Verstand das französische Geistesleben. Demnach haben auch alle Tugenden des Volkes einen in höherem Sinne utilitari- schen Charakter: sie tragen bei zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Wahrhaftigkeit, Arbeit um der Sache willen, so lesen wir bei Hillebrand, sind zwecklose, nur dem Germanen eigne Tugenden. Achtung des Eigentums und der Familie als Grundsteine der Gesellschaft, Ehre und Dekorum, welche dieser Gesellschaft ihren schönen Schein wahren, Mässigkeit und Besonnenheit, welche Glücksgütern allein Dauer verschaffen, das sind die Tugenden, welche der gebildete Kelte am höchsten schätzt. An Gewissenhaftigkeit, Redlichkeit und Ehrlichkeit, allerdings nur solange seine privaten Interessen und nicht der Staat in Betracht kommt, steht der Franzose dem Deutschen nicht nach; dafür legt die Gediegenheit des französischen Kleinhandels beredtes Zeugniss ab. Die Erzeugnisse des französischen Kunstgewerbes verdanken die hohe Wertschätzung ihrem vollendeten Geschmacke, ein Vorzug, der durch die Hugenotten auch unserem Vaterlande mitge- teilt wurde. Der Franzose bietet das Beispiel ausdauerndsten Fleisses, so lange er nach einem Ziele strebt, sich zum Examen vorbereitet, sich um eine Stelle, einen Orden, einen Platz im In- stitut de France, einen Namen in der literarischen Welt bewirbt; der Eifer lässt aber nach, sobald