Jahrgang 
1903
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schaftliche Gefühle entgegenbrachten, Um so mehr ernüchterten allerdings die bald nach der Heimkehr vom General Voyron veröffentlichten Briefe. Beide Tatsachen scheinen in unlösbarem Widerspruch zu stehen und doch: dieser Widerspruch liegt tief im Charakter des französischen Volkes begründet. Gestatten Sie mir darum Ihnen heute ein Charakterbild unsrer westlichen Nach- barn zu entwerfen und dasselbe zum Teil im Spiegel der französischen Kriegsliteratur von 1870/71 zu betrachten. Denn die Literatur, vor allem die Poesie, bietet in Zeiten nationaler Er- regung nicht nur ein Stimmungsbild des Augenblickes, nein jede Schattierung des Nationalcha- rakters tritt mit größerer Deutlichkeit hervor. Und wenn wir dabei den Standpunkt unsrer nationalen Eigenart nicht verlieren, so kann eine solche Betrachtung nur zur Klärung des gegen- seitigen Verhältnisses dienen.

In Deutschland sind noch immer viele schiefe Urteile über den Nachkömmling der alten Gallier verbreitet. Gern wiederholen wir das germanischem Selbstgefühl unendlich wohltuende Wort von dem Niedergange der romanischen Rasse. Auf Frankreich angewandt hat dieser Satz jedoch keine Gültigkeit, denn die Geschichte lehrt uns, daß die innere Lebenskraft des reich aus- gestatteten französischen Volkes es schneller aus dem tiefen Elend gehoben, in das Ludwigs XIV. Prunk- und Ruhmsucht es gestürzt, als Deutschland sich von den Wunden erholt, die ihm der dreissigjährige Krieg geschlagen, von den verderblichen und dennoch überwundenen Folgen der Revolution und des Kaisertums gar nicht zu reden. Frankreich gleicht dem Schiff im Pariser Wappen, das von der Welle, welche es eben zu verschlingen drohte, im nächsten Augenblicke hoch emporgeschnellt wird; und die Devise dieses Wappens gilt auch vom ganzen Lande: Fluctuat nec mergitur, es schwankt wohl, doch es geht nicht unter.

Tocqueville giebt in seinemL'Ancien Régime et la Révolution folgende noch heute passende Schilderung seiner Landsleute:lch finde in der Geschichte dieser Nation nichts, was so erstaunlich wäre als sie selbst. Sah man je auf Erden ein Volk, so reich an Kontrasten, so leicht von einem Extrem zum anderen getrieben, so oft durch augenblickliche, so selten durch feste Grundsätze geleitet, daß es bei all seinen Handlungen sich stets schlimmer oder besser be- währte als man vermutete; bald unter dem allgemeinen Niveau der Menschheit, bald wieder hoch über demselben stehend... ein Volk, welches seinem Demperament nach widerwillig ge- horcht, aber der willkürlichen Gewalt sich lieber fügt, als der geordneten Regierung seiner besten Bürger; niemals in dem Masse frei, daß man seine Knechtung für unmöglich halten dürfte, und niemals so geknechtet, daß es seine Fesseln nicht plötzlich sprengte; ein Volk, dem Zufall, der Gewalt, dem Erfolge, dem Glanz und Geräusch mehr als dem wahren und echten Ruhm zugetan, mehr mit Heroismus als mit Tugend, mehr mit Genie als mit gesundem Menschenverstande aus- gestattet... die glänzendste und gefährlichste Nation von Europa, bestimmt, allen übrigen ab- wechselnd ein Gegenstand der Bewunderung, des Hasses, des Mitleids, des Schreckens, nie aber der Gleichgiltigkeit zu werden.

Das sind die widerspruchsvollen Elemente der Nation, deren Einzelvertreter zu den liebenswürdigsten Beispielen der Gattung Mensch gehören. Zwei Seelen wohnen, ach! in seiner Brust und nötigen uns zu seinem Vorteil die politische Seite seines Charakters gesondert von der privaten zu betrachten. Dem oberflächlichen Beobachter, dessen Blick auf der Aussen- seite der Dinge, dem ewig festlichen Aussehen der Hauptstadt, dem Urteil der Zeitungen, dem Glanz öffentlicher Feste und gesellschaftlicher Veranstaltungen hängen bleibt, werden die grossen Tugenden des Volkes meist verborgen bleiben. Im Staatsleben impulsiv, reizbar und wetterwen-