Jahrgang 
1903
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Wenn bei den Erinnerungs- und Gedenkfeiern der letzten Jahre das Bild des alten und neuen Deutschland, des nationalen Tastens und der nationalen Wiedergeburt, der Freiheits- und der Einigungskriege an unsern rückschauenden Augen vorüberzog, so erfüllte ein Gefühl stolzer Freude eines jeden Deutschen Brust, dass aus jenen Stürmen das geeinigte Deutschland hervorge- gangen und unter Wilhelm des Ersten glorreicher Regierung zur tonangebenden Macht im Rate der europäischen Völker geworden war.

Als Kaiser Wilhelm II., dessen 44ten Geburtstag wir heute festlich begehen, am 15. Juni 1888 das Steuer des Staatsschiffes ergriff, da war er durchdrungen von der weltgeschichtlichen Sendung des deutschen Volkes, und mit Volldampf voraus lenkte er alsbald das stolze Fahrzeug Germania aus den engen Wassern der Heimat ins offene, weite Meer der Weltmachtspolitik. Wohl schauten die, welche dieses Meer bisher allein beherrschten, spöttisch drein, wohl erschwer- ten daheim die Nörgler und Zweifler die Durchführung der erkannten Aufgabe, doch, ein Muster treuer Pflichterfüllung, kam der tatkräftige Herrscher dem Ziele näher und näher, und heute reicht die deutsche Politik, unterstüzt von dem energischen Willen des Monarchen und dem Zauber seiner Person, mit ihrem Einfluss bis an die Grenzen der Erde. Rastlos arbeitet er an der Erweiterung der Fundamente deutscher Grösse, am Ausbau des Heeres und seiner Lieblingsschöpfung, der Marine.Niemand zu Liebe, aber auchNiemand zu Leide! Denn die ganze Politik des Kaisers atmet Frieden nach innen und außen. Er ist Friedensstifter im Streit der Stände und Klassen durch das großartige Werk der sozialen Gesetzgebung. Kein andres Land kann sich solcher in Zeiten der Not doppelt wohltätigen Fürsorge für die arbeitenden Klassen rühmen, wie das deutsche Reich. Nach außen vertritt der Kanzler die Interessen des Staates mit friedlicher Besonnenheit, aber doch mit Festigkeit und Würde. In vorurteilsfreier Weise sucht der Kaiser, eine wahrhaft ritterliche Natur, dem Feinde goldene Brücken zu bauen. Bei fröhlichen und traurigen Anlässen hat er als Erster dem französischen Volke Beweise seiner Teilnahme gegeben. Herzlich schloß er bei der Einweihung des Denkmals für die Gefallenen des ersten Garderegiments auch die für ihren Kaiser und ihr Vaterland in den Tod gegangenen Soldaten in seine Ansprache ein. Wird sein versöhnendes Wirken der Erfolg krönen? Wird der Nachbar die zur Versöh- nung dargereichte Hand ergreifen? Fast schien es möglich zu sein, als unter den Nationen, die von China wegen frevelhafter Verletzung des Völkerrechtes Sühne heischten, Deutsche und Fran- zosen Schulter an Schulter kämpften und einander nicht nur Achtung, sondern wahre kamerad-