Jahrgang 
1914
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sich mit den Interessen der Gesamtheit verträgt. Die erste Pflicht jedes Menschen muß sein, seinen Einzelwillen dem Gesamtwillen unterzuordnen. Diese Notwendigkeit muß er schon im Schulstaat erkennen lernen. Seid überzeugt, liebe Schüler, daß wir nur euer Bestes im Auge haben. Wir wollen euch lieben, wie es eure Eltern tun. Dafür erwarten wir aber auch, daß ihr unser Vertrauen mit Offenheit und anständiger Gesinnung erwidert. Nur So kann zwischen uns ein herzliches Verhältnis entstehen.

Für unseren Dienst an der Jugend sind wir auf Ihre Hilfe angewiesen, verehrte Eltern. Kinder sind zarte Pflänzlein, die nur gedeihen, wenn sie von der Sonne der Liebe beschienen werden. Darum freuen wir uns, wenn Sie Ihren Kindern eine sonnige Jugend bereiten. Aber Sie werden uns darin beistimmen, daß daß nicht heißen soll die Jugend von einem Vergnügen ins andere zu jagen. Es ist durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß die älteren Schüler mit den Formen des gesellschaftlichen Lebens vertraut gemacht werden, aber die Teilnahme an größeren geselligen Veranstaltungen, zumal an solchen, die bis tief in die Nacht hinein dauern, sollte indessen nur zu den Ausnahmen gehören. Beachtet, liebe Schü- ler, die alte Mahnung: Mens sana in corpore sano. Tummelt euch auf dem Spielplatz in heiterem Spiel oder zieht hinaus mit Jungdeutschland in Wald und Feld, wie vor einem Jahrhundert die Berliner Jugend mit Turnvater Jahn, und übt im Kriegsspiele Kräfte und Sinne für eure spätere Pflicht als Vaterlandsverteidiger. Oder wandert hinaus mit dem Rucksack in Gottes weite Welt und lernt bei einfacher Lebensweise ihre Schönheiten kennen. Die alte humanistische Schule betrieb noch gar nicht oder sehr wenig die Ausbildung des Körpers, die heutige begünstigt alle Sportsbestrebungen, wenn sie sich innerhalb der Gren- zen des Schulbetriebes halten. Der Sport bildet nur eine bestimmte Seite körperlicher Betätigung aus. Deshalb darf das eine allseitige Ausbildung des Körpers erstrebende Tur- nen nicht vernachlässigt werden. Es hieße Eulen nach Athen trage, wollte ich den Wert des Turnens hier noch näher darlegen. Ich möchte alle Eltern herzlich bitten, um Befrei- ung vom Turnunterricht nur dann nachzusuchen, wenn schwerwiegende ärztlich bescheinigte körperliche Gründe vorliegen. Wer Ubungen am Gerät nicht mitmachen kann, sollte doch mindestens an den Freiübungen sich beteiligen. Bei aller Hochachtung sportlicher Ubungen muß aber ernstlich gewarnt werden vor einer Übertreibung auf Kosten der geistigen Aus- bildung. Es wäre doch eine nationale Schmach, wollten wir unseren Ruhm, das Volk der Dichter und Denker zu sein, einer einseitigen körperlichen Vervollkommnung opfern. Unsere Weltstellung verdanken wir nicht zum wenigsten unserer geistigen UÜberlegenheit. Vor eini- gen Jahren äußerte ein früherer englischer Unterrichtsminister, daß die Engländer nicht die deutschen Kanonen und Soldaten, wohl aber die deutschen Schulen fürchteten.

Unseren Schulen liegt aber neben der Ausbildung, Entfaltung der Kräfte des Körpers und des Geistes die Ausbildung des Gemütes am Herzen. Ihre wirksamste Stütze dabei ist die Religion. Glauben ist das Kennzeichen des religiösen Menschen. Für den evangeli- schen Christen besteht Glauben nicht in einem bloßen Fürwahrhalten von Lehrsätzen, son- dern in dem festen Vertrauen auf die in Christo offenbarte Vaterliebe Gottes. Wer an Gott und Christus glaubt, liebe Schüler, ist kein Finsterling. Unsere größten Geister haben sich freudig als Christen bekannt. Denkt an den Mann, dessen Geburtstag wir heute feiern, Otto v. Bismarck, und, um einen ganz Modernen zu nennen, den kühnen Bezwinger der Lüfte, den Grafen Zeppelin. Laßt an eurem Geist die eiserne Zeit vor 100 Jahren vorüber- Ziehen, wo tiefe Eeligiosität sich mit glühender Vaterlandsliebe verband.

Vor uns sitzt eine Generation von Schülern, die groß geworden ist in einer Zeit, die reich an wirtschaftlichen Kämpfen, aber arm an hohen nationalen Zielen ist. Wir Lehrer sind zum großen Teil schon geboren unter dem Zeichen des wieder erstandenen Deutschen Reiches, aber unsere Jugendzeit stand doch noch unter dem frischen Eindruck der auf den Schlachtfeldern Frankreichs erstrittenen Einheit unseres Vaterlandes. Die Kämpfer