durch kommt m. E. eine größere Nervosität bei den Schülern zustande. Auch tragen die selteneren Arbeiten weit mehr den Stempel von Prüfungsarbeiten und geben außerdem den Schülern viel weniger Gelegenheit, eine schlechte schriftliche Leistung durch eine bessere auszugleichen. Die häufigere Wiederkehr unterrichtet ferner die Eltern regelmäßiger von dem Stand der Leistungen ihrer Kinder und gibt ihnen die Möglichkeit, schon vor der Zensur Maßnahmen zur Abstellung von Mängeln zu treffen und sich später unangenehme Uber- raschungen zu ersparen. Auf Klassenarbeiten kann die Schule nicht verzichten. Aus den häuslichen Leistungen allein läßt sich kein sicheres Urteil über die Selbständigkeit eines Schülers gewinnen. Die mündlichen Leistungen in der Schule bedürfen der Ergänzung durch die schriftlichen, die an alle Schüler die gleichen Anforderungen stellen. Sind die Arbeiten nicht zu lang und nicht zu schwer, dann pflegen sie den strebsamen Schülern auch Freude zu machen. Gerade Schülern, die unbeholfen sind oder eine schwere Zunge haben, sind sie eine willkommene Gelegenheit, ihre oft reichen Kenntnisse zu offenbaren. Zweifellos sind sie ein überaus wichtiges Erziehungsmittel, denn sie nötigen die Schüler, ihre Gedanken straff zu konzentrieren, ihre Zeit einzuteilen und das Gelernte im gegebenen Augenblick bereit zu halten.
Unsere Schulen wollen ja nicht bloß Wissen übermitteln, sondern auch für das Leben erziehen, vor allem zur Selbstzucht und zum Pflichtgefühl. Das ist für unsere Zeit, wo es scheint, als ob die Menschen wohl Rechte, aber keine Pflichten haben wollen, besonders notwendig. Die Schule wird es natürlich zunächst mit Güte versuchen, aber sie darf, wenn dieser Weg versagt, vor Strafmitteln nicht zurückschrecken. Wer später befehlen will, muß zunächst gehorchen lernen. Wir Lehrer würden ein großes Unrecht an dem pflichtvergessenen Schüler selbst begehen, wollten wir ihn lieber sich selbst überlassen, als auf den Weg der Pflicht zurückführen. Das sind wir unserem Volke schuldig. Wohin der Geist der Zuchtlosigkeit führt, zeigt uns ja das Preußen im Jahre 1806, was aber ein Volk bei treuer Pflichterfüllung und Opferwilligkeit erreicht, das lehrt die große Zeit vor 100 Jahren. Wir stehen jetzt schon jahrelang unter dem Druck einer schwierigen politischen Lage. Wer weiß, welche ernste Zeiten uns bevorstehen. Möge im Ernstfalle ein ebenso pflichtgemäßes Geschlecht wie 1813 und 1870 die Ehre unseres Vaterlandes schirmen. Ihr, liebe Schüler, wollt einmal Führer unseres Volkes werden. Bedenkt, welche Verantwortung ihr auf euch nehmt. Sie wird euch leichter werden, wenn ihr in eurer Jugend euch schon bemüht habt, in eurem kleinen Kreise eure Pflicht zu erfüllen. Für euch gilt noch dasselbe, was Zelter Goethes Enkel ins Stammbuch schrieb:„Lerne gehorchen!“„Das ist doch das einzige ver- nünftige Wort,“ sagte dazu der große Menschenkenner, als er das Büchlein durch-— blätterte. Ich verkenne durchaus nicht, daß unsere heutige Jugend unter ungünstigeren Bedingungen heranwächst als die früheren Geschlechter. Das hastende Leben und Treiben unserer Zeit läßt sie kaum noch zur Besinnung kommen. Infolge des vermehrten Wohl- standes unseres Volkes haben Luxus und Vergnügen in einem Maße zugenommen, daß man um die Zukunft besorgt werden kann. Die allgemeine Wertschätzung der Naturwissen- schaften bringt es mit sich, daß unsere Jugend sich mehr von den praktischen Dingen der Technik als von theoretischen Untersuchungen angezogen fühlt. An die Stelle des UÜber- schwangs der Gefühle, wie wir sie im Anfang des vorigen Jahrhunderts finden, droht eine schwunglose Nüchternheit zu treten. Von einer gewissenlosen Literatur wird alle Autorität in den Staub gezogen. Da ist es wahrhaftig nicht leicht, der Tugend, deren Erlangung Goethe als das höchste Ziel der Erziehung ansieht, der Ehrfurcht, in den Herzen der Jugend eine Stätte zu bereiten. Aber was hilft es. Wir Erzieher dürfen aber nicht verzweifeln, sondern müssen alles aufbieten, um unsere Jugend aus dem augenblicklichen Ubergangs- stadium zurückzuführen zu den alten Autoritäten. Ein Schlagwort der Jetztzeit ist der Begriff„Individuelle Behandlung“. Sicherlich wollen wir Lehrer bestrebt sein, die Eigen- art eines jeden Schülers zu berücksichtigen und zu fördern, aber doch nur soweit, als es


