Jahrgang 
1914
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ohne weiteres als gebildet anzusehen, so kann er erst genannt werden, wenn er auch über die Gesetze der Sprache Rechenschaft abzulegen weiß. Herder faßt den Sprachunterricht auf als die Entzifferung der menschlichen Seele aus ihrer Sprache. Die Sprache aber ist das feinste Kunstwerk, das sich der Menschengeist geschaffen hat. Jahrtausende haben oft an ihrem Bau gearbeitet. Je weiter ihre Anfänge zurückliegen, desto mehr Zeit und Mühe kostet ihre Erlernung. Das gilt von den beiden alten Sprachen. Oft hört man den Ein- wand, ihr Studium auf den Schulen sei eine Zeitverschwendung, da sie doch bald wieder vergessen würden. Eine derartige Behauptung ist genau so einseitig, als wollte jemand die Zwecklosigkeit der Mathematik damit beweisen, daß die meisten Menschen später nicht mehr mathematische Formeln kennten oder imstande wären, einen Logarithmus aufzuschlagen. Man übersieht dabei, daß zwar Einzelkenntnisse verloren gegangen sind, daß aber durch die harte Arbeit Geist und Willen gestählt worden sind. Gerade deshalb, weil die alten Sprachen in ihrem Bau der unsrigen ferner stehen, so verlangen sie eine größere Anstrengung. In- folge ihrer nahen Verwandtschaft ermöglichen sie aber auch eine größere Konzentration des Unterrichtes. Bei ihrem Studium muß das Lateinische das Rückgrat bilden. Gründ- liche lateinische Schulung entlastet das Criechische. Wenn der Schüler Freude an der alt- sprachlichen Literatur haben soll, dann muß er auf einer sicheren grammatischen Grund- lage stehen. Ohne diese ist jede Lektüre nur ein Bauen auf Sand. Wie kann sie fortschrei- ten, wenn sie fortwährend durch grammatische Frörterungen unterbrochen werden muß! Freilich muß der Lernstoff auf das Wichtigste beschränkt werden. Dieses aber muß mit peinlicher Gründlichkeit verlangt werden; denn Oberflächlichkeit in einem Fache zieht sehr schnell auch in anderen Lehrgegenständen Neigung zu unsolidem Arbeiten nach sich. Viel- fach wird dem grammatischen Unterricht der Vorwurf der Ode gemacht. Ich habe diese FErfahrung nicht gemacht, sondern stets erlebt, daß die Schüler mit Eifer und Spannung bei der Sache waren. Allerdings muß sich der Unterricht davor hüten, in einem Formalismus zu erstarren. Philologie darf nicht gleichbedeutend sein mit Mikrologie, sondern sie soll nach Usener die Wissenschaft von dem Menschen sein. Die Zeiten des Sprachendrills, der sich mit Ausnahmen und Seltenheiten nicht genug tun konnte, wollen wir nicht wieder herauf- beschwören. Heute wird der sprachgeschichtliche Charakter in der grammatischen Unter- weisung betont, es spielt neben demWas auch dasWie eine wichtige Rolle. Indessen darf uns diese historisch-philologische Betrachtungsweise nicht dazu verleiten, das gute alte Pauken zu vergessen. Wollen wir das höhere Ziel des grammatischen Unterrichtes er- reichen, dann müssen wir dafür sorgen, daß die Formen festsitzen. Am sichersten wird eine fremde Sprache Eigentum der Lernenden werden durch eifriges Nachschaffen. Die bewähr- teste Form dafür wird bei den alten Sprachen die Ubersetzung aus dem Deutschen bleiben. Dabei ist stets im Auge zu behalten, daß die schriftlichen UÜbungen eine Stütze der Lektüre bilden sollen. In letzter Zeit hat bekanntlich die sog. Extemporalienfrage die Offentlichkeit sehr beschäftigt durch den die Art und Weise der schriftlichen Klassenarbeiten regelnden Frlaß der preußischen Regierung. Letztere hat indessen ausdrücklich erklärt, daß sie weder eine Herabsetzung der Leistungen noch die Abschaffung der deutsch-lateinischen Abiturien- tenarbeit plane, sondern nur die Auswüchse des bisherigen Systems beseitigen wolle. In unserem Großherzogtum bedurfte es keiner Anderung der bisherigen Praxis, da hier stets die Klassenarbeiten als notwendige UÜbungen, nicht als Prüfungsarbeiten angesehen worden sind. Als Argument gegen die Klassenarbeiten wird häufig die Angst der Schüler vorgebracht. Gewiß soll alles vermieden werden, was geeignet ist, den Schülern den Mut zu nehmen. Ob sich trotzdem Angstgefühle bei allen Schülern ganz werden beseitigen lassen, bezweifle ich. Welcher ernste Mensch würde nicht von innerer Unruhe gepackt, wenn er vor neue Auf- gaben gestellt wird? Ich bin aber der Ansicht, daß die Angst geringer sein wird, wenn be stimmte Termine für die Arbeiten festgesetzt sind, als wenn, wie es in Preußen der Fall ist, ohne vorherige Ankündigung in größeren Zwischenräumen Arbeiten verlangt werden. Da-