Jahrgang 
1914
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wie vor in erster Linie für die Universität vorbereiten. Da nun das Wesen der Universitätsbildung darin besteht, daß die Studierenden nicht nur glauben, was der Lehrer sagt, sondern auch selbst nachprüfen, was sie hören und lesen, so hat das Gym- nasium die wichtige Aufgabe zu erfüllen, seine Schüler für die quellenmäßige Forschung zu befähigen. Für diesen Zweck bieten die Schriftsteller des Altertums erstklassiges Quel- lenmaterial. Heute berechtigt auch das Reifezeugnis der Realschulen zum Besuch der Uni- versität, aber es liegt im Interesse der Forschung, daß unsere Universitäten auch einen größeren Prozentsatz von Studenten aufweisen, die schon in der Schule sich gründliche lateinische und griechische Kenntnisse angeeignet haben. Theologen und Philologen kom- men ohne Griechisch nicht aus. Es erst auf der Universität zu lernen, wäre eine Zeit- vergeudung. Gewiß entspricht es den Zeitverhältnissen, wenn ein Teil der Juristen eine vorwiegend naturwissenschaftliche Vorbildung empfängt, aber es ist doch wünschenswert, daß auch fernerhin eine größere Anzahl eine historische Schulung erfährt. Das Stu- dium des Rechtes ist im wesentlichen ein historisches. Wer an der künftigen Gestaltung unseres Rechtes mitarbeiten will, muß Bescheid wissen von der Entwicklungsgeschichte der Rechtsfragen in der Vergangenheit. Unser bürgerliches Recht ist ohne Kenntnis des Cor- pus iuris nicht verständlich. Das römische Recht aber ist stark beeinflußt von dem griechischen Rechte. Das wird in der Neuze it immer klarer durch die Papyrusfunde in Agypten. An ihnen kann die Rechtswissenschaft nicht mehr vorübergehen. Sollen die Er- gebnisse dieser Forschung auch im Universitätsunterrichte verwertet werden, dann müssen Studierende mit gründlichen griechischen Kenntnissen vorhanden sein. Wohl kein akade- mischer Beruf ist so stark von den Errungenschaften der Naturwissenschaft und Technik berührt worden, wie der ärztliche. Es ist klar, daß gerade für ihn die Realabiturienten besonders gute Vorkenntnisse zur Verfügung haben. Aber auch hier darf keiner Schule das Monopol der Vorbildung zugesprochen werden. Es sind noch heute sehr viele Arzte der Meinung, daß auch für ihr Studium die Arbeitsmethode vom humanistischen Gymnasium keine ungeeignete Vorbereitung sei. Andere betonen das menschliche Vertrauensverhältnis, in dem der Arzt zu seinem Patienten steht, und verlangen deshalb einen Bildungsgang, in dessen Mittelpunkt der Mensch steht.Wir halten es mit Aristoteles, so ließ sich der Münchener Mediziner Ziemssen einmal vernehmen,es sei ein Zeichen der Edelgesinnten, nicht bloß nach dem Nützlichen zu fragen. Gerade der hellenische Geist ist es, der sich mächtig in die Brust des Jünglings einsenkt und ihn für alles Schöne, Edle und Große erglühen läßt. Auch hervorragende Naturforscher und Mathematiker wollen festhalten an der humanistischen Bildung. Erst kürzlich sprach bei der Jahrhundertfeier des Breslauer Matthiasgymnasiums der dortige Universitäts rektor, ein Mathematiker, im Interese der mathematischen und naturwissenschaftlichen Studierenden, deren Führer im 19. Jahrhundert aus der neuhumanistischen Schule hervorgegangen seien, die Bitte aus, am Griechischen fest- zuhalten. Das Gymnasium möge dafür sorgen, So fuhr er fort, daß von den gleichberech- tigten Quellbächen, aus denen unsere Geistesbildung zusammenfließe, der älteste und wich- tigste nicht versande. Es besteht also noch eine große Partei, die von dem Wert des alten Gymnasiums überzeugt ist. Deshalb wäre es, wie der keineswegs als unbedingter Anhänger des humanistischen Gymnasiums einzuschätzende Rudolf Lehmann erklärt, ein Gewaltstreich, wenn man, wie es die nordischen Staaten getan haben, das Gymnasium durch Aufhebung des klassischen Unterrichtes seines Grundcharakters berauben wollte. Allerdings dürfen wir Humanisten nicht in die Fehler früherer Zeiten zurückfallen, die Realisten als minderwertig an- zusehen und überhaupt eine Beschäftigung mit den realen Dingen als Banausentum zu be- trachten.

Das wichtigste Mittel, durch welches das Gymnasium seine Schüler in das geschicht- liche Leben einführt, sind die Sprachen. Eine fremde Sprache ist nicht nur ein Verständi- gungsmittel, sondern nach Schiller der Spiegel der Nation oder nach Humboldt der Abdruck des Geistes und der Weltansicht des Redenden. Wer zu parlieren versteht, ist noch nicht