Jahrgang 
1914
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gleicht er das Griechentum mit einem unversiegbaren Strom, der durch die Jahrhunderte fließt. Für ihn sind die Griechen das Volk, in dem die ungebrochene Weltanschauung des Kindes neben exakter und reicher Weisheit des Greisenalters weiter lebt. Auch bei unseren Künstlern lebt die Antike weiter. Ich brauche ja nur an Namen wie Klinger zu erinnern. Aber nicht allein die weltabgewandten Dichter und Künstler legen Zeugnis ab von dem Wert antiker Bildung, sondern auch erfahrene Männer des praktischen Lebens. Der frühere Staatssekretär für Kolonien, Exz. Dernburg, hebt auf Grund langjähriger Beobachtung die Geschlossenheit im Charakter der ehemaligen Gymnasiasten hervor. Georg Siemens sieht in dem Fehlen des Humanismus ein Unglück für die künftigen Ingenieure. Ein anderer Groß- industrieller, Dr. Böttinger, warnte, das Griechisch fakultativ zu machen und so das Gymna- sium zu zerstören, mit dessen Zöglingen die Technik keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. In Frankreich klagt eine an den Unterrichtsminister gerichtete Eingabe von Groß- industriellen, daß durch die systematische Verfolgung des Studiums der klassischen Sprachen das Niveau der allgemeinen Bildung herabgedrückt werde und daß infolgedessen auch die Industrie an den Hochschulen nicht mehr hinreichend ausgebildete Kräfte erhalte. Ganz be- sonders aber erkennt man in dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten die Bedeutung des klassischen Altertums für die Jugenderziehung. Die Urteile der Amerikaner haben vor allen Dingen deshalb Wert, weil sie nicht durch eine uns so gern zum Vorwurf gemachte Tra- dition eingegeben sind, sondern auf selbständiger Erfahrung ruhen. Im Jahre 1906 gaben auf der amerikan. Ann Arbor-Universität zu Michigan Professoren der Medizin und der Ingenieur- wissenschaften der Uberzeugung Ausdruck, daß auch für ihre Fächer die alten Sprachen eine durchaus geeignete Grundlage seien, da durch sie die Urteilskraft gefördert und das kritische Vermögen gehoben werde. Ahnliche Gedanken sind später aus dem Munde amerikanischer Juristen und Großkaufleute gehört worden.Es kann der Mensch im späteren Leben Deklina- tionen und Konjugationen vergessen, sagt einer der letzteren,aber die Wirkung des Stu⸗- diums auf Menschen- und Weltkenntnis ist ein Teil seines Wesens geworden. Ein inter- essantes Schauspiel: Europa amerikanisiert sich, Amerika aber sucht an den Quellen, die dort verstopft werden sollen, die Heilkraft eines neuen Lebensideals. Und Deutschland, das hochgelobte Land des Idealismus, soll es zulassen, daß man sich bemüht, einer Bildungs- anstalt den Garaus zu machen, der nicht zum wenigsten die Pflege des Idealismus zu danken isto Nun behauptet man freilich, gerade wegen dieser einseitigen Betonung des Idealismus habe das alte Gymnasium ein Geschlecht auferzogen, das den Fragen des Lebens ratlos gegenüber gestanden habe. Aber entstammte denn nicht dieser Schule ein großer Teil der Jugend, die 1813 und 1870 für Fürst und Vaterland in den Kampf z0g? Hat nicht das alte Gymnasium die akademische Jugend erzogen, die trotz aller Widerwärtigkeiten den Ge- danken an ein geeintes deutsches Vaterland hochgehalten hat? Es sind doch auch in der Hauptsache die Männer, denen Deutschland sein Aufblühen auf technischem Gebiete ver- dankt, aus dem Gymnasium hervorgegangen. Im Jahre 1860 gab Dubois-Reymond als Rektor der Berliner Universität die Erklärung ab, daß die durch das humanistische Gymnasium gewährte Vorbildung eine wesentliche Ursache der vom Ausland bewunderten Höhe unserer Kultur sei. Es wäre falsch, heute noch behaupten zu wollen, der Idealismus sei einzig und allein mit der klassischen Bildung verbunden. Die Realanstalten pflegen ihn ebenso. Jedes ernste Studium führt nach Harnack zur Hingebung an die Sache und vermag alle idealen Kräfte des Menschen zu entwickeln und zu beflügeln. Aber alle Schulen wollen nicht den welt- fremden und weltabgewandten Idealismus des 18. Jahrhunderts, sondern den weltbejahenden eifriger Arbeit an der Menschheit pflegen. Jede Schule soll das in ihrer besonderen Weise tun; denn jede hat ihren eigenen Pflichtenkreis.

Wenn auch die Gleichberechtigung der drei höheren Lehranstalten ausgesprochen ist, so soll damit doch nicht gesagt sein, daß jede von ihnen für alle wissen- schaftlichen Berufe die gleiche Verbildung geben kann. Das Gymnasium wird nach